112 in die anderen Zonen aus. Auch die Erfolgsquote bei der Überwindung der zahlrei ­ chen Kontrollen war von der individuellen Erfindungsgabe und Menschenkenntnis beeinflußt. Schließlich spielten besonders für die Beschaffung höherwertiger Nah ­ rungsmittel und Tauschobjekte die individuellen Beziehungen zu Angehörigen der Besatzungsmacht eine oft entscheidende Rolle. Die als Begleiterscheinung unter Umständen auftretenden demoralisierenden Folgen für die Umgebung konnten ins ­ besondere auf dem Dorf erhebliche soziale Interaktionsprobleme schaffen. In diesem vielfältigen Geflecht aus offiziellen und parallelen Versorgungsmöglich ­ keiten waren diejenigen am schlechtesten versorgt, die infolge ihrer sozialen Bezie ­ hungen, ihres Charakters, ihrer Leistungsfähigkeit, ihrer Zugangsmöglichkeit zu Natural- oder Kompensationslöhnen oder aus anderen Gründen allein oder vor ­ nehmlich auf die offiziellen Rationen angewiesen waren. Global gesehen, waren dies vor allem Beamte, Angestellte, alte Menschen und Jugendliche in den Städten. Auch sie haben das Ernährungsniveau , das nach allgemeinen Normen als Existenzmini ­ mum gilt, in den Nachkriegsjahren aber offensichtlich nicht erreicht, und hierin liegt ein weiterer Ansatzpunkt dafür, die Bedeutung der parallelen Märkte genauer zu fassen. Der Kalorienbedarf eines Menschen beträgt je nach Alter, Geschlecht und Arbeits ­ belastung ca. 2 500-3 500 Kalorien am Tag, das Existenzminimum etwa 1 500 Kalo ­ rien. 21 Mit Ausnahme einiger Schwerarbeiterkategorien, die an das Minimum von 2 500-2 800 Kalorien kamen, sind die Normalrationen während der Besatzungszeit nirgends in der französischen Zone erreicht worden. In der Regel unterschritten nicht nur die ausgegebenen, sondern auch die offiziell vorgesehenen Rationen aber das Existenzminimum. 22 * Die Militärregierung hat dies offiziell nur zögernd zugege ­ ben, intern und gegenüber den Alliierten die Situation aber in ihrer ganzen Dramatik gesehen und geschildert und sich intensiv um eine Verbesserung bemüht. 21 Selbst das Monatsbulletin des Oberkommandos, als zwar vertrauliche, intern aber doch relativ weit verbreitete Berichterstattung immer auf eine möglichst günstige Darstellung der in der Zone erzielten Leistungen bedacht, stellte im März 1946 fest, daß das Sinken der offiziell angekündigten Kalorienzahl auf etwa 1 000 Kalorien der Bevölkerung nicht mehr le strict minimum vital sichere. 24 Bei erheblichen regionalen Unterschie ­ 11 Vgl. zu den ernährungsphysiologischen Hintergründen der Nachkriegszeit u. a. Rothenber ­ ger, Hungerjahre, S. 87-90 u. 130. Die Völkerbunds-Normsätze der Zwischenkriegszeit sind aufgeführt in: Rationnement alimentaire, S. 30. 1984 setzte die FAO als Normbedarf für normal arbeitende Männer 3 000 kal., für Frauen 2 200 kal. an; La sante dans le Tiers monde, in: Le Monde, Dossiers et Documents No. 108 (Februar 1984). 22 Vgl. die Tabellen bei Rothenberger, Hungerjahre, S. 244 ff. 21 Vgl. beispielsweise die laufenden Monatsberichte des badischen Arbeitsoffiziers in AdO Colmar Bade 2402, die innerfranzösische Korrespondenz in MdAE Y (1944-1949) 433 ff. oder die französisch-amerikanischen Auseinandersetzungen um die Getreidelieferungen, welche die Amerikaner teilweise von politischen Gegenleistungen der Franzosen abhängig machten; zum Frühjahr 1946 vgl. unten S. 161, zum Herbst 1946 Materialien in MdAE ebd. 437. 24 Bulletin d’activite, März 1946, S. 8. Ebenso, in korrekter Darstellung der verheerenden Versorgungslage, der erste Jahresbericht der Militärregierung: GMZFO, Un an d’activite fran^aise en Allemagne, Baden-Baden 1946, S. B 1 f.; vgl. auch die laufenden Statistiken des: Bulletin statistique, die Sollzahlen und tatsächlich ausgegebene Rationen vergleichen.