105 Stuttgarter Stadtväter; diese kauften in der Stuttgarter Umgebung Branntwein auf, tauschten ihn in der französischen Zone - wo Branntwein wegen der französischen Konfiskation der Produktion rar war - gegen Zigaretten, erhielten für diese wieder ­ um in einer Ruhrmine Kohlen und tauschten die Kohlen schließlich in einem würt- tembergischen Zementwerk gegen den Zement, den sie für die Wiederaufbauarbei ­ ten brauchten. 89 Dennoch ist das Bild, das sich aus den umfangreichen badischen Berichten über die parallelen Märkte ergibt, sicherlich auch nicht ganz falsch. Zu ­ nächst waren die besonders gesuchten amerikanischen Zigaretten in der französi ­ schen Zone weniger leicht zu erhalten als in der Bizone, wo sie zu Millionen in privaten Paketen bei den amerikanischen Besatzungssoldaten eintrafen. Die relativ große badische Eigenproduktion an Zigaretten wurde von den Franzosen zu erhebli ­ chem Teil für den Export abgeschöpft. 90 Die badische Tabakproduktion ergab im Vergleich zu anderen Teilen Deutschlands auch ein weit höheres lokales Angebot an Roh- und Schnittabak, das insbesondere seit der starken Erhöhung der Tabaksteuer durch den Kontrollrat im Frühjahr 1946 stark im Preis stieg. 91 Die Zigarette sah sich also der Konkurrenz anderer Tabakprodukte stärker ausgesetzt als in anderen Ge ­ genden. Trotz der Einschränkungen bei der Interpretation der vorliegenden Daten ergibt sich aber insgesamt der Eindruck, daß das Bild von der marktbeherrschenden Zigarettenwährung ein Mythos ist, der sich als Teil eines Gesamtbildes in der Erin ­ nerung der Zeitgenossen - vielleicht schon wegen der Griffigkeit der Formulierung und der Prägnanz des Bildes - stärker festgesetzt hat, als es der Wirklichkeit zumin ­ dest im Südwesten entsprach. Daß Zigaretten beispielsweise mit einem festen Auf ­ schlag zu 250% ihres offiziellen Wertes auch in den Tauschzentralen gehandelt wurden, wie dies 1947 aus Frankfurt berichtet wurde, 92 war in der französischen Zone nicht feststellbar. Marktbeherrschendes Zahlungsmittel ist die Zigarette hier jedenfalls nicht gewesen. Auch die Erfahrungen in Bayern zeigten, daß die Zigarette die Reichsmark in ihrer Funktion nur begrenzt ersetzte. 93 Das Geld büßte zwar seine Funktion als Wertaufbewahrungsmittel ein, nicht jedoch die als Tausch- und Re ­ chenmittel, zumal im gewerblichen Bereich. Folge war längere Zeit hindurch - bis zur letzten, der Repudiationsphase der Inflation - nicht der völlige Funktionsverlust, sondern eine erhebliche Steigerung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. So wur ­ de das Geld nicht durch die Zigarette ersetzt, sondern die tatsächliche Palette der gesuchten und angebotenen Waren und der als Zahlungsmittel eingesetzten Produk ­ te wurde, entsprechend der Entwicklung der Situation der Verbraucher, erheblich breiter. 8I> Beispiel bei Mendershausen, Prices, S. 656, ohne Datumsangabe. Im einzelnen dazu Läufer, Industrie, S. 186 f. Daß der Zigaretten-Schwarzmarkt vor allem aus amerikanischen Quellen alimentiert wurde, meldete Koenigs politischer Berater Saint- Hardouin für Baden schon am 8. 11. 1945 an Bidault; MdAE Y (1944-1949) 434. Vgl. Schwarzmarktberichte für Juli/August 1946. Zu den Unterschieden in den Auswirkun ­ gen der Tabaksteuer des Kontrollrats s. van Scherpenberg, S. 325 ff. 92 So Schmölders, Zigarettenwährung. 93 Aderbauer, S. 22 f.