98 Dabei wurden vielfach auch Kinder losgeschickt, sei es, weil die Eltern nicht ab ­ kömmlich waren, sei es, weil Kinder größeres Mitleid zu erwecken vermochten. 14 Ökonomisch von den Hamster- und Bettelzügen zu unterscheiden ist das, was man als private Ringtauschorganisation im Rahmen der Naturaltauschwirtschaft be ­ zeichnen könnte: Die sich oft über Hunderte von Kilometern erstreckenden Fahrten von Privatpersonen, die in anderen Zonen gegen ein paar Flaschen Wein oder ähnliche, dort schwerer zu erhaltende Waren Mangelprodukte eintauschten und diese zu Hause ihrerseits gegen Lebensmittel umsetzten. In großem Stil haben diese Fahrten sich offenbar auch im Herbst und Winter 1946 entwickelt, als das Eisen ­ bahnwesen wieder halbwegs funktionierte, die Durchlässigkeit der Zonengrenzen größer und mit Gründung der Bizone die Reisemöglichkeiten innerhalb der briti ­ schen und amerikanischen Zone besser geworden waren. Walter Eucken hat dieses Tauschsystem und die gesamtwirtschaftlich sinnlose Verschwendung von Arbeits ­ kraft durch die weiten Reisen bei meist geringstem, wenngleich für den einzelnen wertvollem Ertrag sarkastisch kritisiert.” Die Tausch- und Hamsterzüge erhielten, nach den vorrangig transportierten Waren, im Volksmund rasch ihre eigenen Be ­ zeichnungen, so der Vitaminzug von Dortmund nach Freiburg, der Heringszug von Frankfurt nach Bremen oder der Äppelexpreß von der Pfalz zum Bodensee, mit dem vor allem Schuhe, Textilien und Wertsachen in der einen, Äpfel und Kartoffeln in der anderen Richtung reisten. Ob man die Grenzkontrollen und Razzien unbehelligt überstand, war Glücksache, und das Risiko konnte erheblich sein. Angesichts der allgemeinen Notlage und der Unfähigkeit der Behörden, hier Abhilfe zu leisten, machten Strafandrohungen und exemplarische Bestrafungen aber wenig Eindruck. 74 * * * 78 Dieser private Kompensationshandel konnte vor allem infolge der erheblichen re ­ gionalen Angebots- und Wertunterschiede funktionieren, die demjenigen, der die Mühen und Risiken der Fahrt auf sich nahm, einen gewissen Gewinn sicher ­ ten. Die schwierige materielle Situation im Südwesten hat sich, soweit dies aus den hier herangezogenen Daten und Berichten deutlich wird, durch diesen „Handel“ aber eher noch verschlechtert, und zwar infolge des durchschnittlich niedrigeren Preisniveaus in der französischen Zone. Schwarz- und Tauschmarkt griffen hier teilweise ineinander. Im Vergleich zur britischen und amerikanischen Zone hat der Preisstop im Südwesten in den Nachkriegsjahren besser funktioniert - teils, weil die französische Militärregierung auf die Flut von Anträgen auf Erhöhung der amt ­ lichen Preise zögernder und restriktiver reagierte als Briten und Amerikaner, teils 74 Vgl. dazu auch Rothenberger, Hungerjahre, S. 126 ff., der Hamster- und Bettel wesen le ­ bendig schildert. 77 Eucken, Deutschland, S. 137-139. Vgl. auch Röpke, Die deutsche Frage, 1 1948, S. 296, und Stolper, Die deutsche Wirklichkeit, S. 119; Beispiele bei Rothenberger, ebd. S. 129 f. 78 Vgl. dazu beispielsweise den badischen Schwarzmarktbericht für Februar 1947: Alle Schich ­ ten der Bevölkerung sehen sich in Anbetracht der Lebensmittelnot gezwungen, im Schwarz- oder Tauschhandel zusätzlich Lebensmittel beizuschaffen. Diejenigen, die nur von den normal zuge ­ teilten Lebensmitteln leben und die Folgen des ständigen Hungerns bei sich und ihren Kindern feststellen müssen, können unter Hinweis auf ihr volkswirtschaftsschädliches Verhalten weder durch Anordnungen noch durch Strafen von der Lebensmittelbeschaffung im Wege des Schwarz- und Tauschhandels zurückgehalten werden.