94 In den Wochen nach der Währungsreform erfolgte, obwohl das Bewirtschaf ­ tungssystem in der französischen Zone wesentlich zögernder aufgehoben wurde als in der Bizone, in Baden praktisch ein Zusammenbruch des Schwarzen Marktes. Mitte September 1948 wurden Schwarzmarktpreise nur noch für wenige Lebensmit ­ tel gemeldet: für Eier, Weizen- und Roggenmehl, Butter, Rind- und Schweinefleisch und weißen Zucker. Ihre Preise lagen im Vergleich zur Situation von Ende 1947 wesentlich niedriger und auch deutlich unter dem zur gleichen Zeit noch in Ham ­ burg konstatierten Schwarzmarktpreisniveau. 58 Für andere Lebensmittel existierte in Baden kein Schwarzmarkt mehr, und auch bei sonstigen Waren beschränkte er sich auf Glühlampen, Schuhe und - Schweizer Franken. Eine Art umgekehrten Schwarz ­ marktes entstand jetzt allerdings für Bohnenkaffee sowie für Tabakprodukte: hier differenzierte sich das Angebot, aber es lag preislich - und dies wiederum im Gegen ­ satz zur Lage in Hamburg - unter dem Niveau der offiziellen Preise. 59 60 Dies war vermutlich Ausdruck sowohl des endgültigen Zusammenbruchs der „Zigarettenwäh ­ rung“ wie des Liquiditätsmangels für Genußmittel. Die Wirkung der Währungsre ­ form - sei sie ökonomisch, sei sie psychologisch - war im Preisniveau des Schwarzen Marktes damit deutlich abzulesen. Nach September 1948 wurden in Baden Schwarz ­ marktpreise offenbar gar nicht mehr amtlich notiert. 80 Die Vorstellung von Schwarzmarktpreisen, die bis zur Währungsreform in schwin ­ delerregende Höhe stiegen, gehört damit zu den zahlreichen Mythen, welche die Nachkriegszeit in der kollektiven Erinnerung charakterisieren, genauerer Untersu ­ chung aber nicht standhalten. Verständlich ist diese subjektive Erinnerung aber gerade vor dem Hintergrund der hier skizzierten strukturellen Entwicklung der parallelen Märkte: Da der größere Teil der Bevölkerung seit etwa 1947 nicht mehr über die Mittel verfügte, sich am Schwarzhandel zu beteiligen, konnte er einerseits die dort üblichen Preise nicht mehr genau verfolgen und andererseits leicht den Eindruck gewinnen, die Preise seien, da für den einzelnen Privatverbraucher tatsäch ­ lich nicht mehr erschwinglich, buchstäblich in „unerschwingliche“ Höhen gestiegen. Infolge der besonderen Situation Deutschlands lagen die Preise hier zwar höher als in manchen anderen Ländern. So läßt sich für Frankreich ein durchschnittliches Schwarzmarktpreisniveau von nur etwa dem Vierfachen der offiziellen Preise anneh ­ men, also relativ wohl weniger als die Hälfte des deutschen Preisniveaus. Dennoch kann von Phantasiepreisen auf dem deutschen Nachkriegs-Schwarzmarkt allenfalls für bestimmte Luxusprodukte wie Fotoapparate, doch nicht generell die Rede sein. Mag der Wirtschaftstheoretiker diese relative Stabilität des Schwarzen Marktes und die teilweise Neutralisierung des Geldüberhanges auch begrüßt haben: Dem Nor ­ malverbraucher war wenig damit geholfen, einerseits im offiziellen Rationierungssy ­ stem die für das Existenzminimum notwendigen Waren kaum zu erhalten, anderer ­ seits aber auch aus diesem parallelen Markt zusehends ausgeschaltet zu werden. 48 Schwarzmarktpreise für zehn Produkte in Hamburg (Mai-Nov. 1948) bei Mendershausen, Prices, S. 606. 59 Die Schwarzmarktpreise für den 15. 9. 1948 beruhen auf einer Liste in StA FR A 7 (1956/5) Bld. 60 Weitere Preisberichte, die jedoch keine Schwarzmarktpreise mehr enthalten, ebd.