74 3. Die parallelen Märkte in der Nachkriegszeit: Das Beispiel Baden a) Methodische Probleme sozialgeschichtlicher Schwarzmarktanalyse: Marktspaltung aus der Perspektive des Verbrauchers Das Bewirtschaftungssystem der Kriegs- und Nachkriegszeit hat eine kaum überseh ­ bare Fülle von Statistiken produziert. Dennoch ist es in methodisch befriedigender Weise quantifizierend nicht zu erfassen. Auf die erheblichen Fehlerquoten in der Statistik hat die Wirtschaftswissenschaft der Zeit bereits so deutlich hingewiesen, daß auf Quantifizierungsversuche für die halb- oder illegalen parallelen Märkte bereits damals zugunsten qualitativer Beschreibungen weithin verzichtet wurde - zum Verdruß des Historikers, der auch aus unvollkommenen Analysen heute ver ­ mutlich interessante allgemeinere Ergebnisse gewinnen könnte. Praktiker wie Wirt ­ schaftswissenschaftler, die sich in den Nachkriegsjahren mit derartigen Problemen auseinandersetzten, warnten gleichermaßen vor Schlüssen aus globalen Zahlen, de ­ ren Berechnungsgrundlage unzureichend oder unzureichend bekannt war. 1 Tatsäch ­ lich versagen ökonometrische Methoden in der Regel vor der Vielfältigkeit der Problematik. 2 So finden sich Preisangaben, auf die ausführlich zurückzukommen sein wird, in recht großer Zahl, und zwar sowohl für den monetären Schwarzmarkt wie für Kompensations- und Naturaltauschmärkte. Schon bei der Frage nach ihrer Repräsentativität lassen die Quellen in den weitaus meisten Fällen aber keine exakte Antwort zu, und die Angaben sind mit um so größerer Vorsicht zu behandeln, als bei genauerer Suche häufig unterschiedliche Angaben für ähnliche Regionen, Branchen oder Zeitpunkte zu finden sind. 1 Beispielsweise konstatierte Walter Atorf, nach dem Krieg im Tübinger Finanzministerium tätig, im Zusammenhang mit einer methodischen Kritik der Verwendbarkeit der Nachkriegs- Steuerstatistiken, zur Verdeutlichung von Größenordnungen u. ä. gäben „Einzelzahlen mehr Aufschluß als zusammengefaßte Zahlen“; Atorf, Streifzug, S. 250. Eine völlige Absage an die Verwendbarkeit sämtlichefr] ökonomischefr] Größen, mit denen die Wirtschaftspolitik rech ­ nen kann, erteilte z. B. Leonhard Miksch in seinem Gutachten zur Frage der Währungsre ­ form vom 17. 2. 1948, abgedruckt bei: Möller, Vorgeschichte, S. 378-385, Zitat S. 380. 2 Ein pittoreskes Beispiel bietet einer der wenigen umfangreichen Versuche, das Problem für die Kriegs- und Nachkriegsjahre mit ökonometrischen Methoden anzugehen: Chelmicki, Le marche noir, versucht unter anderem, eine Methode zur Analyse des Verbraucherverhal ­ tens auf dem Schwarzen Markt zu entwickeln. In einer Anmerkung (S. 25) präzisiert er, daß die Methode nur greife, wenn die Relation zwischen offiziellem und Schwarzmarktpreis sich im Beobachtungszeitraum nicht verändere - solche Veränderungen gehören allerdings zu den Charakteristika Schwarzer Märkte. Als methodisches Ergebnis seiner eleganten Berech ­ nungen stellte Chelmicki fest: „ ... la methode d’analyse du comportement des consommä- teurs, fondee sur l’emploi des courbes ou des surfaces d’indifference, n’apporte au raisonne- ment economique aucun procede exceptionnel qui soit plus efficace que la simple logique“ (S. 33). Seinem Ergebnis ist zuzustimmen. Für die Problemstellung der vorliegenden Arbeit enthält der Artikel dennoch interessante Vergleichsdaten und Anregungen. In der methodischen Nachkriegsdiskussion vgl. hierzu z. B. Schneider, Sinn und Grenzen der quantitativen Wirtschaftsforschung, sowie allgemeiner auch Schmölders, Verhaltens ­ forschung, bes. S. 7-22, der auf die Schwierigkeiten der praktischen Anwendung ökonome ­ trischer Methoden hinweist und dagegen ein Resume der in seinem Kölner Institut entwik- kelten Methoden sozialökonomischer Verhaltensforschung zieht.