Erster Teil: Zur Biographie Jörg Schillers. I. Kapitel. Immer wieder stößt man in der reichen Meistarsingerlite- ratur des 15.—17. Jhdts. auf den Namen des Meistersingers Jörg Schiller, wenn auch meist nur in der Form, daß Meister- lieder „in dem hoffthon Jörg Schilchers“ oder „in der mayen- weiß Jörg Schiller“ oder „im süssen ton Georg Schillers“ oder „jm Schillerdon“ kurzweg stehen. Im Gegensatz aber zu dieser vielfachen Bekanntschaft mit dem Namen des Dichters wissen schon die zeitgenössischen literarischen Zeugnisse und die Quellen fiir den Meistergesang dieser Jahrhunderte über- haupt nichts von der Persönlichkeit, dem Beruf, den näheren Lebensverhältnissen J. Schs. Nie findet man in den Über- schriften oder bei der Angabe der Weise von Gedichten in Schillertönen Zusätze, auch nicht in Bezug auf die Heimat oder das Gewerbe unseres Meistersingers; bei sehr vielen späteren Dichtern geschieht dies, z. B. schon bei Albrecht Lesch1) „aus Mingen“. Man ist anscheinend selbst im Anfang des 16. Jhdts. nicht mehr so recht über J. Sch., der zu den „alten nachtichtern“ zählte, orientiert gewesen. Können wir nun noch etwas über sein Leben und seine Persönlichkeit irgend- wie ermitteln? Dieser Frage ist der erste Teil der vorliegen- den Arbeit gewidinet. Was zunächst das Alleräußerlichste, die Überlieferung seines Namens, anbetrifft, so ist er graphisch, wie in der früh- neuhochdeutschen Sprachperiode nicht anders zu erwarten, in nahezu allen möglichen Varianten anzutreffen. Wir haben dar- aus als unsere Schreibnorm die Form „Jörg Schiller“ gewählt. Wie aber wird der Name historisch vorgefundCn? Der Vor- 1) A. Dreyer, Hans Sachs in München u. die gleichzeitigen Münchenei’ Meistersänger, in „Analecta Germanica“ Hermann Paul dargebracht. Amberg 1906, S. 344.