56 „Theaterkunst ist eine Raumkunst — in erster Linie kommt es darauf an, den Raum der Vorstellung und die Art seiner Benutzung genau zu kennen"^, Die (Lrsüllungsmöglichkeiten, die einer solchen Forderung gegenüberstehen, sind ziemlich gering. Selbst wenn sich für eine Anzahl von Dramen der Spielort heute noch feststellen läßt, wenn sogar der Raum in annähernd unveränderter Form erhalten ist, so ist damit die Beziehung zwischen diesem Raum und der Bühne noch lange nicht eindeutig herzustellen. Wenn z. B. die Nürnberger Marthakirche, deren früherer Bauzustand sich restlos feststellen läßt, noch mehrere Hypothesen über Standort und Gestalt der Meistersingerbühne ermöglichte^«, verdeutlicht das den Zu- stand einer Unsicherheit, die bei weniger gut erhaltenen und erschließbaren Spielräumen eine einwandfreie Festlegung un- möglich macht. Man wird in einem solchen Fall nicht vom Raum ausgehen können, sondern es muß versucht werden, das Bild der Bühne zuerst allein aus dem Text zu gewinnen und es dann erst in Beziehung zum Raum zu setzen. Bei dem Versuch einer räumlichen Konstruktion aus dem Text ist die Doppeldeutigkeit des theatralischen Raumbegrifses zu berücksichtigen. Neben dem wirklich vorhandenen Raum, in dem das Spiel vor sich geht, wird ein anderer Raum durch das Spiel für den Zuschauer geschaffen. (Ls ist denkbar, daß beides zusammenfällt — im mittelalterlichen Theater berührte es sich immer sehr eng —, es ist ach er eb enso möglich und besonders für die Renaissancebühne charakteristisch, daß sehr verschiedene Raumrealitäten und Raumvorstellungen zu- sammengebracht werden. Damit verschiebt sich das Raumprob- lem in den Bereich der Illusion, des Zuschauererlebnisses, es ist aus diesem Grund im letzten Sinn ebenfalls unlösbar und nicht erschöpfend zu fassen. 3. Bild. And ebenso ist auch die Heranziehung von Theaterbildern ein nur bedingt brauchbares Hilfsmittel für die Rekonstruktion. Schaltet man die erste Frage — wann kann man überhaupt von einem Theaterbild im Gegensatz zur Dramenillustration sprechen? — einmal ganz aus, und zieht nur solche Bilder heran, die wie die Holzschnitte zu Raffers Spiel von der unzweifelhaft im engsten Zusammenhang mit 135. Herrmann S. 6. 136. Zusammenfassend dargestellt von Holl, K., Die Meistersinger- bühne von Hans Sachs. Zeitschr. s. dtsch. Philologie 51. 137. Reproduziert bei L a ch m a n n.