47 Hochaltar 1526) und reine italienische Renaissance (Fugger- kapelle 1512) stehen unvermittelt nebeneinander, es gibt keine Stileinheit, alles ist Bewegung zwischen zwei Polen. Ziel und Sehnsucht der Zeit ist die Synthese, Vereinigung mittel- alterlicher Ueberlieferung mit den neueindringenden Ideen und Formen der italienischen, einer internationalen Renaissance. Die Renaissance kann in Deutschland das Mittelalter nicht ablösen, wie sie es in ihrer Heimat Italien tat, denn selbst um 1530 ist das deutsche Mittelalter nicht tot. Sie hat sich mit seinen gewaltigen lebendigen Kräften auseinanderzusetzen und muß um einen Ausgleich ringen. Renaissance in Deutsch- land ist nicht wie in Italien Wiedergeburt der Antike, sondern Umwandlung und Neubelebung des Mittelalters. Dieser Vorgang des Ineinanderübergehens zweier Kul- turen ist darum so unübersichtlich, weil die Verschmelzung ganz ungleichmäßig vor sich geht und in jedem Punkt ab- hängig ist von den vielen inneren und äußeren Bedingungen, die sich aus der Doppelantithese Mittelalter — Neuzeit, Reformation — Humanismus ergeben. Man wird darum zuerst untersuchen müssen, welche Bühnenmöglichkeiten jede der beiden zur Vereinigung drängen- den Kulturen zu bieten hat, und ob und unter welchen Umständen eine Annäherung und Verschmelzung dieser Formen Zustandekommen kann. Das repräsentative Theater des Mittelalters ist das geistliche Spiel, das aus der Kirche herausgewachsen ist und auf dem Markt der Stadt zur Aufführung gebracht wird. Mit der Erwähnung des geistlichen Charakters der Spiele ist bereits das Wesentliche über den Zuschauer gesagt: er bringt dem vom Gottesdienst hergeleiteten Spiel den denkbar größten Willen zur Illusion mit, die Bereitschaft, mit allen seelischen und geistigen Kräften die Darstellung der Passion oder eines anderen heiligen Stoffes als Realität zu erleben, zu glauben^. Die religiöse Tendenz ist nicht an sich theatralisch wie etwa das Komische, sondern sie ist — wie das Mythische überhaupt^ — illusionsfördernd. Die Bühne kommt durch ihre eigene Wirkkichkeitsnähe dem Entstehen dieser theatra- lischen Realität entgegen. Die ganze Landschaft des Spiels 129. Wolfs, L., Die Verschmelzung des Dargestellten mit der Ge- genwartswirklichkeit im geistlichen Drama des deutschen Mittelalters. Dtsch. Vierteljahrsschrift f. Literaturwiss. u. Geistesgeschichte 1929, 2. 130. Mit dieser Wirkung rechnet z. B. sehr stark Richard Wagner. — Vgl. auch K e r r, A., Die Welt im Drama, Berlin 1917. Bd. III S. 62 ff.