— 26 — wurden die besten Leistungen dort erzielt, wo der Dichter persön- lich am meisten an seinem Stoff interessiert war, und wo er, was grade bei diesen subjektiven Gedichten am häufigsten der Fall war, sich einer einfachen Form bediente. Der Meistersinger des l5. Jahrhunderts, der alle seine Zeit- genossen und Vorgänger bei weitem überragt, ist Hans Folz (um 1460). 3n ihm tritt uns zum ersten Mal in der Geschichte des Meistergesangs eine überragende und durch sich selbst inter- essierende Gestalt entgegen; hier ist das Talent zur dichterischen Persönlichkeit, der Bohemien zum echten Künstler gesteigert. Nicht als ob Folz in der Hauptmasse seiner Gedichte sich wesentlich von seinen Sangesgenossen unterschiede: im Gegenteil, bei ihm tritt die religiöse Lyrik viel einseitiger hervor als etwa bei Muskatblut oder Beheim,- der sozial-didaktische Zug, der die Poesie dieser beiden charakterisiert, mangelt ihm vollständig, und die Art seiner scho- lastischen Dichtung unterscheidet sich zwar in Tinzelzügen vorteil- haft von den Erzeugnissen anderer Dichter, sie zeigt aber doch zugleich die Absurdität dieses ganzen Stoffgebietes mit seltner Vollständigkeit und erbarmungsloser Schärfe auf. Die Bedeutung von Folzens Persönlichkeit liegt weder auf dem Gebiete des Stoff- lichen noch des Formalen, sie liegt im Grundsätzlichen, in der Vertiefung der Fragestellung, wo es sich um das Wesen des Meistergesangs handelt. Die entscheidende Tat ist die Stellung die Folz gegenüber den Meistern der Mainzer Schule einnahm, als Nestler aus Speyer, der verdienstvolle Schreiber der Kolmarer Handschrift, es wagte, im Widerspruch zu der bisherigen Ge- pflogenheit, die streng an der formellen Nachahmung der „zwölf Meister" festhielt, in einem selbsterfundenen, dem „unbekannten" Tone zu dichten. Falz trat mit Entschiedenheit aus Nestlers Seite und beide verließen im Verlaufe des Kampfes die rhei- nische Hochburg der Meisterkunst. Nestler ging nach Ulm, Folz nach Nürnberg, und von jetzt ab wird Nürnberg zur wichtig- sten pflegestätte des Meistergesangs. Die Kampflieder, die Folz gegen die Mainzer Schule schrieb, überragen an prinzipieller Bedeutung alles, was der Meistergesang des 16. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Lag bei Beheim stets der Künstler mit dem Menschen im Streit, so steht uns in Folz eine kraftvolle männ- liche Dichterpersönlichkeit gegenüber, welche ganz auf die Kunst