22 Und also war unsere Empfindling nur liefe Trauer. Nicht aber so bei den Truppen, welche samt und sonders von oben an bis unten aus in einer großen Unwissenheit derjenigen Taggeschichten, deren Mittheilung die Machthaber nicht rathsam oder gefährlich finden, gehalten werden. Hier fanden wir reichen Stoss zu Be- obachtungen. Die Nachricht voll dem Tode des Königs verbreitete zuerst allgemeines Staunen, Zweifeln, Nachfragen, durch dieses Gewißheit, und nun herrschte ein düsteres Stillschweigen, das nur zuweilen diirch einen Ausruf des Schmerzes oder der Wllth unter- brochen wurde. In manchem Aug' perlten Thränen, die mit Mühe zurückgehalten wurden. Mancher ließ sie ungestört fließen und beweinte öffentlich seinen König. Mancher vergrub aus Politik seinen Schmerz im Inneren, und er war dem Beobachter nur in der Blässe des Angesichts lmb dem verstörten Auge sichtbar. Mancher suchte den Schmerz im Wein zu ersticken, und er brach lauter aus. Nur hier lind da fletschte ein Jacobiner hämisch die Zähne und applaudirte seinen Consorten in Paris, doch nur mit teuflischem Lächeln, lauter Beifall würde Arm lind Beine, wohl gar den Kopf in Gefahr gebracht haben. Aber wie wandel- bar sind die Menschen, wie leicht umzulenken? Davon sah man hier ein auffallendes Beispiel. Jene Stimmung, welche das durch diese Schalldthat empörte menschliche Gefühl hervorgebracht hatte, dauerte nicht einmal vier und zwanzig Stunden. Nun flogen Cvllriere herbei mit Ladungen von den bekannten abscheulichen Flugblättern, vuchesne, Franc en Vedette, Journal des hommes libres u. s. w. mit Aufrufen des National- Convents an die Republikaner. Diese wurden in unzählbarer Menge unter die Truppen vertheilt, lind in solchen war der un- glückliche Ludwig als der abscheulichste Tyrann geschildert, hohes Triumphlied über seinen Tod gesungen, und der sollte nun die Freiheit und das Glück aller Republikaner unumstößlich gegründet haben. Zugleich erschien eine neue Gattung Menschen unter den Truppen, in welchen man die Abgesandten der Jakobiner erkennen konnte. Diese ließen sich angelegen sein jene Denkschriften zu com- mentiren und zu erklären. Freiheit! Freiheit war immer das dritte Wort, das sie sprachen. Der Franzose widersteht einer