146 XI. Schluß. ansehen, als ob beide frei wären; das gebietet das schlichte sittliche Erlebnis, in Form von „Reue“, „Verantwortungs- gefühl“ usw. Sogenannte sittliche Freiheit ist geradezu nichts anderes als das schlichte Haben dieser phänomenologischen Tatbestände selbst. Aber die theoretische Philosophie muß diese „als ob“-Freiheit als „Freiheit“ im eigentlichen Sinne streichen, denn bewußt Haben ist eben kein Werden; und sie muß, wie gesagt, die Frage nach der Freiheit der meta- physischen Grundlage des bewußten Habens offen lassen. Das aber heißt, an die Stelle des Überzeugtseins von dem Vermögen zu eignem sittlichen Ich-tun den Glauben setzen an das sittliche Wesen der eigenen Seele, welche „Ich“ mir nicht gegeben habe, sondern welche ich als verankert erkenne im geheimnisvollen AH. Mit diesem Glauben aber darf sich das Vertrauen verbinden auf das, trotz allem, gute Wesen meiner Seele. Das alles bedeutet — Ergebenheit und Demut. Aber hebt unsere Lehre vom rein schauenden Ich-haben nicht alle Möglichkeit einer sittlichen Arbeit an sich selbst, ja, hebt sie nicht die Möglichkeit aller Erziehung auf? Wir meinen, daß sie das ganz und gar nicht tue, obschon sie allerdings zwingt, den Worten „Arbeit an sich selbst“ und „Erziehung“ einen ganz besonderen, strengen Sinn zu geben, einen ganz und gar „objektiven“ Sinn, wenn man so sagen will: Arbeit an sich selbst und Erziehung sind als be- stehend geschaute Sachverhalte im Rahmen des psycho-phy- sichen Empirisch-Wirklichen. Mein reines Wissens-Schauen befreit mich von dem Haben von Affekten, ja, wie schon Spinoza wußte: mein reines Wissens-Schauen der Affekte selbst befreit mich ganz be- sonders von ihnen. Ich „will“ diese Befreiung und will daher dieses reine Schauen. Ja, ich schaue, daß ich es will, und