2. Ich, mein Selbst, meine Seele, 129 Ich, im allein strengen Sinne der Bedeutung von „Ich“, habe zeitlos, zeitunbezogen, (unscharf gesprochen: ira Jetzt), alles, was ich überhaupt habe. Was ich aber zeitunbezogen habe, das ist selbst, so seltsam es klingt, jeweils Alles, mein Alles. Es ist in ganz strengem Sinne unrichtig zu sagen, daß Ich nur „nach“einander mir den Inhalt meiner Gehabt- heiten in bewußter Klarheit vergegenwärtigen könne: im Jetzt habe ich die Welt, meine Welt. Wo immer ich vom „nacheinander des Habens spreche, da meine ich schon mein Selbst als Träger cles Habens, und nicht Ich. Seltsam klingt das, so sagte ich; aber doch nur für den, der übersieht, was das Haben von Bedeutungen der Erledigung bedeutet1): in voller Strenge ist ja doch an irgend etwas, was Ich bewußt habe, jeweils alles, was mein Selbst je gehabt hat, erledigt. Ich habe also jeweils ein Etwas mit einer ungeheuren Fülle der Erledigungszeichen. Alles, was man „Strom“ des vergangenen Erlebens nennt, ist im un- mittelbaren Sinne nur eine Fülle von Erledigungszeichen an dem jeweils Gehabten, und zwar vornehmlich von Erledigungszeichen mit Rücksicht auf das Gehabt-haben meines Selbst. Ich weiß im Jetzt jeweils mehr oder weniger deutlich alles, was mein Selbst je halte, und zwar sowohl dem eigent- lichen Gehabt-haben meines Selbst als auch den inhaltlichen Bedeutungen nach, „Irren“ kann ich aber doch, so sagt man; mein „Ge- dächtnis“ täuscht mich oft. Gewiß darf die Sprache des täglichen Lebens so sagen , aber nicht darf es der „Phäno- menologe“: Von „Irren“ reden ist jeweils ein Ich-haben mit Rücksicht auf einen früheren Habens-Zustand meines Selbst. Während „Ich“ irre, weiß ich doch von eben diesem Irren nichts: ein neues Ich-haben ist es, das mir das geirrt- l) Vgl. S 31. Diiesch, W'issen und .Denken. 9