Liebe und Sprache. 175 Ausdruck zu verleihen. Das Subjekt muß sich zum Objekt machen, es muß die wirkliche Synthese des Geistes zur Verwirklichung kommen, damit die Seele, wenn man so sagen darf, in die Welt einbreche, sich offenbare und die Welt in sich aufnehme, um sie in ihrem eigenen Leben klingen und schwingen zu lassen. Der Ge- danke muß mit seiner Analyse des primitiven Ununterschiedenen eingreifen; er muß es ändern und vervielfältigen und Element von Element unterscheiden, er muß es gliedern und in seinem Aufbau in der Einheit des Vielfältigen, die die Form des Gedankens ist, lösen. Dann vervielfältigt sich, wie wir sagten, das Gefühl selbst und nimmt organische Form an: der Körper in nuce, den es dar- stellt, entfaltet sich in verschiedene Teile, die verbunden, ja im Kreislauf seines Lebens und seines Daseins vereinigt sind. So unter- scheiden sich dann die vielfältigen physischen Elemente und werden zu ebenso vielen Worten, die die Organe des Organismus bilden, in dem der Gedanke Gestalt und Wirklichkeit annimmt. Es sind die physischen Elemente, in die die Einheit der Natur zerfällt, die die Einheit des Körpers als objectum mentis oder besser das Ur- gefiihl des Geistes ist. Und wer die Worte verstehen will, wehe, wenn er sie eines nach dem anderen sich vornimmt, wie der Ge- danke sie zusammensetzt; wehe, wenn er sie im Wörterbuch sucht; wehe, wenn er sich bei der Betrachtung ihres Klanges aufhält, der ein Zusammenklingen zahlreicher Klänge ist, oder bei ihren gram- matikalischen Abwandlungen, kurz bei dem, was sie mechanisch an sich sind, der Seele beraubt, die in der Synthese des zum Aus- druck gelangten Gedankens schwingt. Der Gedanke ist unter einer Bedingung denkbar: daß er das Denken eines Denkenden sei, und daß man ihn daher in dem Flusse erfasse, der aus der denkenden Seele herausströmt. Mit einem Wort: die Sprache ist Organismus, der in der Viel- falt seiner Entwicklung Gedanke, in der Einheit, die diesen Ge- danken beseelt, Gefühl ist. Sie ist bedeutungsvoll, insoweit sie Gefühl ist; losgelöst von diesem, wird sie zu Feuer, das bald in Asche zerfällt. Sowohl in ihrer Vielheit wie in ihrer Einheit ist die Sprache daher immer Geist, nicht wie sie gewöhnlich aufgefaßt wird, gleichsam ein Bekleidungsstück des Gefühls oder des Ge- dankens, das dem Leben des Geistes anzufügen wäre. Über den Gedanken hinaus, der das Leben in seiner Vielfalt wandelt, über das Gefühl hinaus, das diese Vielfalt zu seiner Einheit zusammen- zwingt, gibt es nichts Drittes als Zuflucht.