Das Gefühl. 147 In jedem Falle müßte das Subjekt ohne dieses Gefühl als reiner Intellekt in der Welt des Möglichen umherirren; in der Welt des abstrakten Gedankens also, der frei von Widersprüchen und voll- kommen sein und doch nichts Wirklichem entsprechen könnte. Es bliebe in der Luft, ohne je auf festen Boden herabsteigen zu können. Das ganze denkbare Sein hat keine Dichte, die Dichte des Wirklichen, des Bestimmten, wenn es nicht durch das Subjekt hin- durchgeht, wo es den Prüfstein findet, mittels dessen man das Be- stimmte vom Unbestimmten zu unterscheiden vermag, das, was man denkt und was besteht, von dem, was man denkt, und was auch nicht bestehen könnte. In dieser Lehre vom Urgefühl ist das Cartesianische Motiv vom Problem der Gewißheit und das Kantsche Motiv vom Problem der Erkenntnis enthalten, die auf den Gegenstand der Erfahrung beschränkt und unfähig ist, sich von sich aus in das Bereich des Übersinnlichen zu erheben. Und dieses Motiv, das beständig in der modernen Philosophie auftritt,ls) läßt auch Rosmini die Problem- lösung im Subjekt suchen, das sich nicht mehr mit der einfachen Wahrheit zufrieden gibt, sondern die Gewißheit der Wahrheit will. Hinsichtlich des Intellekts glaubt daher Rosmini noch, die Grund- lage seiner Wahrheit außerhalb des Subjekts suchen zu sollen und zu können; er setzt deshalb als außerhalb des Intellekts befindlich die Idee des Seins, deren unmittelbare Erfassung die Form des menschlichen Intellekts bildet. Dieser gewinnt daher nicht aus sich selbst die lichtvolle Idee, die den ganzen Gedanken und im Ge- danken die ganzeWirklichkeit erleuchten wird, sondern für Rosmini ist ein so gebildeter Intellekt ohnmächtig, in die harte und wider- setzliche Wirklichkeit einzudringen, die es doch zu erhellen gilt. Und er würde sich ihr nicht einmal annähern, wenn sich in dem Subjekt eine einzige Einheit zwischen ihm und dem Gefühl ver- schmölze, die nichts Objektives an sich hat, sondern vielmehr dem Subjekt zugehört. Dem Subjekt, das eben diese bestimmte Seele insoweit ist, wie es andererseits eben dieser bestimmte Körper ist, ein Subjekt, beschlossen in seiner besonderen Individualität. Denn der Körper ist bestimmt vollkommen einzigartig, und der Körper bildet als Inhalt des Urgefühls dieses Urgefühl. Dieses aber be- fähigt das Subjekt, die Wirklichkeit zu erfassen und sich auf sie zu stützen. Gefühlter Körper also: obiectum mentis, wie Spinoza sagt, jener mens, die in ihrer Zugehörigkeit zum unendlichen 18) Über dieses Problem der Gewißheit in der modernen Philosophie siehe meine „Studi Vichiani“ 2, Florenz, Le Monnier 1927, S. 40.