128 Die Aktualität der Kunst. IV. Das Gefühl. 1. Was man unter Gefühl versteht. Diese unmittelbare und dennoch zugleich dialektische Subjek- tivität, diese reine und subjektive Form jedes Gedankens, in der die Kunst besteht — wenn man sich eines Namens aus dem gewöhn- lichen Sprachschatz bedienen will —, kann nur Gefühl heißen, nicht in der vulgären psychologischen Auffassung, die auch, wie wir sehen werden, ihren Wert hat, sondern in einem streng erkenntnistheoreti- schen oder philosophischen Sinn. Und diese Bedeutung muß mit aller Sorgfalt unterschieden und bestimmt werden, damit wir nicht nahe- liegenden Mißverständnissen verfallen, die unsere Lehre von der Kunst in die Klasse der alten, auf der Gefühlslehre beruhenden Systeme herabgleiten ließen, sie entstellten und sie jener Bedeutung beraubten, die sie zu haben behauptet. 2. Der Gefühls begriff in der griechischen Philosophie. Das Gefühl ist seit den sokratischen Schulen die crux philo- sophorum gewesen. Es wurde immer, wenn auch unklar, als Zu- sammenhang des ganzen Lebens des Geistes mit dem Subjekt an- gesehen und immer — bis zum 18. Jahrhundert, und zwar gerade bis Kant und zu seinen unmittelbaren Vorgängern — als ein nie- deres Seelenvermögen angesehen, dessen Wirken den Weg der Seele ihrem Ziel entgegen eher durchkreuzte und verhinderte, als daß es ihn erleichtert hätte. Wenn die griechischen Philosophen nach So- krates es unternahmen, ihre Abhandlungen Jtepi Jtadcov zu schreiben, so wünschten sie, und zwar auch die, die als Ideal des Lebens die Lust hinzustellen wagten — sie ist das Gefühl auf dem Grunde aller anderen —, das Gefühlsleben nicht zu fördern, sondern es zu bekämpfen und zu zerstören. Die Lust wurde von ihnen eher als ein Freisein vom Schmerz aufgefaßt, das die Seele befreit und sie einem heiteren vernünftigen Leben überläßt, denn als etwas Po- sitives, das gemeinsam mit den Verstandesgaben zu pflegen sei.