100 Die Aktualität der Kunst. der unglückseligen Nicht-Dichtung verbindet, wie ein Stickmuster mit der Stickerei, wie eine beleuchtete Figur mit den Schatten des Hintergrundes, aus dem sie heraustritt, wie ein Kapitell, in das eine Seele sich ausdehnt, bei dem sie sich aufhält und sich zu sich selbst wendet, wie um in sich die Kräfte und Energien eines gelösten Strebens zu sammeln, mit der nackten Säule, die es trägt, mit einem Wort, wie die Intuition sich in unlöslicher Ehe dem Gedanken vermählt. Gingen diese Kritiker oder Ästhetiker der Analyse bis zur äußersten Konsequenz, so fänden sie am Schluß ihrer Untersuchung nicht ein Stück Dichtung, sondern das reine Nichts, denn außerhalb der Erfahrung ist das Transzendentale nichts. Aber wie alle, die den falschen Weg einschlagen, bleiben sie klugerweise auf der Hälfte des Weges stehen. Von Dante beweisen sie uns z. B., man könne zweifellos wenige Episoden retten, beinahe so, wie es Betti- nelli in den „Lettere virgiliane“ 3) getan hatte, und es macht nichts, wenn keines dieser Stücke beim näheren Zusehen verständ- lich ist, ohne in Beziehung auf die Struktur des Dichtwerkes gesetzt zu werden, die zum Gedanken und zur konkreten Persönlichkeit des Dichters gehört; dieser hat seine eigene Sprache und spricht, was immer er sagt, stets als Wirkung seiner eigenen konkreten Persönlichkeit. II. Die Form. 1. Das künstlerische Prinzip in jedem Kunstwerk. Wir wissen nunmehr, wohin wir gehen müssen, um die Kunst zu suchen, wenn sich auch auf Grund dessen, was wir gesehen haben, ihr Dasein nicht wie das Dasein irgendeines aktuellen Dinges entdecken läßt, das sich im Gedanken aktualisieren kann. An dem Punkt, zu dem wir mit unserer Untersuchung gelangt sind, können wir sagen: die Kunst ist im Geist, im Geist in seiner Aktualität (im Geist also des Lesers, der die Dichtung liest, wenn er sie liest, nicht im Geist des Autors, der sie schrieb); aber im Innern muß man den Geist seiner aktualen Form, die Gedanke, Über- ) Vgl. „Lettera“ III.