10 Das Problem der Kunst. Wenn der Mensch so Künstler von Natur ist und sein geistiges Leben in fortgesetzter und stetiger Teilnahme an der Welt der Kunst führt, so ist er zugleich von Natur bestimmt zu erfassen, daß dieses wesentliche Element in seinem Leben da ist; er ist dazu bestimmt, es von den anderen, gleichfalls gegebenen Elemen- ten zu unterscheiden und die Sonderformen zu erkennen, die es ihn unterscheiden lehren und die ihn seine Gegenwart als Stillung eines für seine Natur wesentlichen Bedürfnisses fühlen lassen. Mag er mehr oder minder in dieser Erkenntnis und in der Untersuchung fortschreiten, die ihm stufenweise ein solches Erkennen erschließt — unmöglich ist es für ihn, die Untersuchung nicht aufzunehmen, unmöglich, nicht eine wenn auch noch so geringe Kenntnis des Daseins der Kunst zu besitzen. Eine naheliegende Bestätigung dieses wachen, wenn auch noch nicht bestimmten und formulierten Bewußtseins der künstlerischen Aktivität im menschlichen Geist kann in einer Tatsache erblickt werden, die bisher noch nicht bemerkt wurde, deren erfahrungs- mäßige Gegebenheit aber sicher nicht bestritten werden kann. Es ist die Tatsache, daß dieses mehr oder minder klare und durch- dachte allgemeine Bewußtsein, das sich mit der Ausübung der künstlerischen Aktivität vereint, zum Prüfstein der philosophischen Theorien über das Wesen der Kunst wird, die sich unablässig bald mit der Ausarbeitung einzelner Teile der Systeme zum Zweck der Erfüllung systematischer Ansprüche, bald mit der besonderen Vertiefung beschäftigen, die aus dem Problem der Kunst erwächst und von starken persönlichen Erfahrungen gefördert wird. Die Begriffsbestimmungen und die Lehren, die in solchen Fällen das Ergebnis einer ganzen Reihe von Überlegungen und Untersuchungen sind, sind wahr oder falsch, nicht weil sie der Logik der Systeme gemäß sind oder nicht, mit denen sie in Beziehung stehen, oder weil sie mehr oder weniger genialen Betrachtungen und glücklichen Intuitionen bestimmter Denker entsprechen. Sie sind vielmehr wahr oder falsch, weil sie den Begriffen entsprechen oder entgegen- gesetzt sind, die jeder Mensch von Geschmack oder besser, jeder Mensch, der nachzudenken und aufzuhorchen versteht, gelegent- lich als sein Eigen begreift, mag er sie auch nie durch eine be- sondere Prüfung erhellt oder noch weniger definiert haben. Es sind die Begriffe, auf Grund deren sogar der Ungebildete den Wunsch empfindet, in die Oper zu gehen und sich seine Eintritts- karte für das Theater in einer, wenn auch erst ganz allmählich wachsenden Kenntnis dessen erwirbt, was ihn dort erwartet. Es