6 Das Problem der Kunst. einem Teil man alles hinzufügte, ohne das der Begriff „Mensch“ wesensmäßig nicht gedacht werden kann, und den anderen Teil aus den nicht wesensnotwendigen Stoffen bildete — die Kunst würde zum ersten Teile gehören. Und wie der Mensch sich nicht selbst entweichen kann, so kann er sich nicht der Kunst entziehen; er muß sie in sich selbst finden wie einen goldenen Faden, der sein ganzes Leben durchzieht. Es gibt in der Kunst bevorzugte Geister, den Schöpfer und das Genie, und solche gibt es, die nur imstande sind, die künstlerische Wirklichkeit schlicht aufzunehmen, die andere schufen und schaffen. So gibt es Kunstwerke, deren Erzeugung ein besonderes technisches Wissen erforderte, und es gibt elementare und primitive Kunst- formen, deren Erzeugung wie Verstehen keinerlei besondere bil- dungsmäßige Vorbereitung oder Kenntnis ihrer technischen Mittel zur Voraussetzung hat. Aber wie es keinen Menschen gibt, der nicht spricht — mag der Grad seiner Sprachentwicklung sein wie er wolle —, wie es keinen Menschen gibt, der nicht denkt und seinen Gedanken nicht nach den Sätzen eines vernunftmäßigen allgemein kontrollierbaren Aufbaues lenkt, wie jeder Mensch ein moralisches Kriterium besitzt, das ihn das Gute vom Bösen unterscheiden läßt, so ist niemand so arm an künstlerischer Haltung, daß ihm der Unterschied dessen, was vor dem Antlitz der Kunst Wert habe und was wertlos sei, gänzlich entginge. Und dieses Urteilsvermögen zügelt ihn gleichermaßen und lenkt seine Sprache, damit sie die überzeugendsten Worte spreche, um dem anderen die eigene Seele zu offenbaren, und es läßt ihn dem Liede dessen lauschen, der in wohlklingender Stimme die Wogen seines Inneren ausströmen läßt, wenn er nicht selbst die Lippen öffnet, weil seine Stimme, wie durch sich selbst erschüttert, ihm aus der Brust die Qual seiner Leiden- schaft zieht, und es öffnet ihm die Augen, daß er mit ganzer Seele die sprechenden Bilder bewundere, die ihm die wundervolle Gabe der bildenden Künste vorführt, wenn ihm nicht selbst Hand und Pinsel oder Meißel von jenem Vermögen gelenkt werden, um aus Leinwand oder Marmor Ähnliches erstehen zu lassen. Dieselben zur Befriedigung der Grundbedürfnisse des Lebensunterhalts erforder- lichen Dinge, die Dinge, die dem Menschen die persönliche Sicher- heit feindlichen Naturkräften gegenüber gewähren sollen, die Be- kleidungsgegenstände, die Behausungen, die Waffen, all das, was den Menschen an die tiefer stehende Natur, in der er und mit der er lebt, zu binden und ihn zu erniedrigen scheint — dieselben Dinge schmücken und verschönern sich, sie zeigen sich in ihrer ge-