I. Der menschliche Charakter der Kunst. 1. Wißbegier und Problem. Das Problem der Natur der Kunst ist keine Erfindung der Philo- sophen, oder zum mindesten haben es nicht die Philosophen er- funden, welche die meisten so nennen und für diesen besonderen Beruf besonders geeignet halten. Und im allgemeinen ist es wirk- lich so, daß die Philosophen überhaupt kein Problem erfinden; sondern sie beschäftigen sich nur mit denen, die sich von selbst im Bewußtsein aller Menschen erheben und die, mehr oder minder deutlich, von allen als Fundamentalbedürfnis des Geistes emp- funden werden, das nach einer Befriedigung verlangt. Wie immer diese Antwort lauten mag — sie muß geeignet sein, das Bewußtsein aus der quälenden Lage zu befreien, die jedes Problem mit sich bringt. Und das ist der Grund, aus dem jedes philosophische Problem nicht zu den Fragen gehört, die nur aus Neugier aufgeworfen werden. Die Neugier kommt immer zufällig hinzu, d. h. sie ist da, nur wenn sie da ist, und es ist möglich, daß sie nicht da ist; sie mag von Dauer sein und sich fühlbar bemerkbar machen, bis der Mensch sich davon zu befreien vermag; sie mag nachlassen und so still- schweigend in Nichts zerfließen, daß der Mensch nichts davon merkt. Anders das philosophische Problem, das notwendig ist, weil es aus der Natur des menschlichen Gedankens entspringt. Es muß sich, früher oder später, in diesem Gedanken selbst aufhalten, es kann ihm nicht entfliehen, nur in der Lösung kommt es zum Schweigen, oder, was hier das gleiche ist, es kommt zum Schweigen, wenn der menschliche Gedanke seine Lösung erreicht zu haben glaubt. Und da Notwendigkeit wesentlich zum philosophischen Ge- danken gehört, ist jedes wahre Problem, das gesetzt und gelöst werden muß, philosophisches Problem. Es kommt nicht darauf an, ob es im Schoße einer Sonderwissenschaft entsteht oder einen