Die Frage, was Hans Driesch der Biologie unserer Zeit zu sagen hat, schließt die weitere Frage nach seiner Bedeutung als Naturphilosoph in sich. Jeder Naturdeutung ist stets schon, wenn auch meist unaus- gesprochen, eine bestimmte Metaphysik immanent. Dies gilt in be- sonderem Maße für die Theorien von Hans Driesch, mit denen eine Philosophie der Natur gese^t ist. Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir uns die geistesge- schichtliche Stellung von Hans Driesch und damit die Voraussetzungen seines Denkens und Forschens in die Erinnerung zurückrufen. Gleich vielen namhaften Zoologen seiner Generation war Driesch Schüler Ernst Haeckels gewesen. Während die meisten von ihnen sich dem Einfluß ihres Lehrers zeitlebens niemals ganz entziehen konnten — sei es in der Blickrichtung, unter der sie an die Erforschung der Le- benserscheinungen herantraten, sei es hinsichtlich dessen, was ihnen als wesentlich und damit als erforschenswert galt — ist bei Driesch ein solcher Einfluß von Anfang an kaum festzustellen. Schon seine Doktorarbeit über die Verzweigungsformen von Hydroidpolypen läßt erkennen, daß ihr Verfasser gewillt war, eigene und neue Wege ein- zuschlagen. Soweit die Zoologie jener Jahrzehnte sich nicht mit Be- schreibungen des Baues und der Lebensweise der von ihr untersuch- ten Tierformen zufrieden gab, war ihr Interesse vorwiegend darauf gerichtet, deszendenztheoretische Fragen zu klären, also tatsächliche oder vermeintliche stammesgeschichtliche Zusammenhänge aufzu- klären. Andere Fragen und Forschungsaufgaben traten derart in den Hintergrund, daß sie häufig kaum noch gesehen wurden. Der Nach- weis des Weges, auf dem eine Lebensform geworden war, galt nämlich als nahezu gleichbedeutend mit der Lösung aller Probleme, die mit ihrem Dasein gegeben sind. Stammbaumkonstruktionen, deren hypo- thetischer, nicht selten nebulöser Charakter nur von wenigen durch- schaut wurde, waren nahezu zur „Naturphilosophie“ jener Epoche geworden. Richtiger gesagt, sie nahmen den Platz ein, der einer Philo- sophie der Natur legitimerweise zukommt. Exponent dieser Auffas- sung und ihr entschiedenster Vertreter war damals Ernst Haeckel. Im Einklang mit ihr sah Haeckel die individuelle Entwicklung der Lebe- wesen damit als erklärt an, daß er sie im Sinne des von ihm formu- lierten Biogenetischen Grundgesetzes als eine abgekürzte und in man- cher Beziehung modifizierte Wiederholung der gesamten Stammes- geschichte deutete. Dementsprechend kannte man damals, von weni- gen Ansätzen in anderer Richtung abgesehen, allein eine beschreibende Embryologie und Entwicklungsgeschichte, die ihre Aufgabe darin erblickte, eine genaue Kenntnis aller in der Entwicklung vom Ei bis zum fertigen Organismus einander folgenden Phasen zu vermitteln. Eine solche beschreibende Entwicklungsgeschichte bleibt jedoch un- 23