damentalprobleme der gesamten Biologie erkannte, von denen aus er schrittweise weiter zu den großen Fragen der Naturdeutung ge- langte. Dieser Vorgang ist beispielhaft dafür, wie Probleme einer Einzelwissenschaft mit innerer Logik von sich aus Lösungen fordern, die den mit ihr anfänglich gesetzten Rahmen sprengen. Im Einklang hiermit wurde der Biologe Driesch zum Philosophen. Es ist Ausdruck einer äußerst einseitigen Betraehtungsweise, wenn manche Kritiker mit Bedauern vermerken, daß Driesch damit den Weg der empirischen Forschung verlassen habe, um sich in unfrucht- baren und voreiligen Verallgemeinerungen zu verlieren. Der Weg, den Driesch gewählt hat, war gewiß nicht der von seinen Voraus- se^ungen aus allein mögliche und sinnvolle. Einen anderen Weg hatte etwa der Zoologe Hans Spemann eingeschlagen, der die experimen- tellen Forschungen von Driesch in bestimmter Richtung weiterführte, so daß die durch Driesch aufgeworfenen Fragen in mancher Beziehung deutlicher umrissen werden konnten. Auch Spemann war von ent- wicklungsgeschiehtlichen Untersuchungen ausgegangen. Diese Unter- suchungen, von denen noch gesprochen werden soll, haben ihn durch vierzig Jahre fast ausschließlich beschäftigt. Während Driesch häufig vorgeworfen wurde, daß er der Spezialforschung nicht treu geblieben sei, mußte es Spemann zuweilen spüren, daß ihm das Verhaftetsein an ein Forschungsobjekt, die Entwicklungsgeschichte von Amphibien- keimen, mancherseits als mangelnde geistige Weite ausgelegt wurde. Dennoch war auch Spemann kein enger Spezialist gewesen. Auch ihn haben stets allgemeine Gesichtspunkte geleitet. Weil dem so war, konnten sich seine Untersuchungen weit über alles anfängliche Er- warten als bedeutsam erweisen, obwohl sie nur ein äußerst begrenz- tes Gebiet der Lebenserscheinungen zum Gegenstand gehabt hatten. In einem anderen Sinne blieb eben auch Driesch im Banne jener Pro- bleme der organischen Formbildung, von denen er zu Beginn seiner Forscherlaufbahn ausgegangen war. Immer wieder nahm er später auf sie Bezug. Sie führten ihn weiter zu Überlegungen, die über das, was jene Probleme unmittelbar besagen, hinausweisen. So hat er den Kontakt mit der empirischen Forschung allezeit gewahrt und war bemüht, ihre Ergebnisse unter grundsätjlichen Gesichtspunkten aus- zuwerten. In diesem Bemühen hat Driesch bereits zu allen heute von der Biologie erörterten Fragen Stellung genommen. Manches, was sich damals erst in Umrissen abzeichnete, ist heute «iner theoretischen Auswertung zugänglicher geworden. Dabei wird es notwendig sein, auch Erkenntnisse aus anderen Bereichen der Naturforschung in eine solche Auswertung einzubeziehen. Diese sachliche Notwendigkeit ent- spricht Drieschs eigenen Intentionen: war sein letztes Ziel doch eine umfassende Philosophie der Natur gewesen. 22