man spekuliert nicht mit Dingen, die man für gött- lich hält. Wer hätte nicht gedacht, dass zur Zeit Juvenals aller Glaube vernichtet worden sei oder damals, als der Beifall der gesitteten Welt Lukian ermunterte, die Frömmigkeit weiterhin mit Beleidigungen zu überschütten? Indessen erschien das religiöse Ge- fühl bald wieder, in neuer Form und stärker als je. Hat bei den modernen Völkern die Unduldsamkeit nicht das Äusserste getan, um die Religion verhasst, hat ein verachtender Spott nicht alles versucht, um sie lächerlich zu machen? Und trotzdem regt sich das religiöse Gefühl überall. Man blicke nach Eng- land, wo eine Menge von Sekten es zum Gegenstand ihrer lebhaftesten Liebe und ihrer unablässigen Be- trachtungen erhebt. Gleichwohl ist England in bezug auf Arbeit, Produktion und Industrie das erste Land Europas. Man blicke nach Amerika: es ist glück- licher als England, denn keine Geistlichkeit erzwingt die Unterdrückung eines Landesteils unter dem Vor- wand, er sei katholisch. Seine Flagge weht auf allen Meeren, es nützt mehr als irgend ein anderes die Bodenkräfte und -schätze aus, und doch steht das religiöse Gefühl in so hohem Ansehen, dass oft eine einzige Familie in mehrere Sekten aufgeteilt ist, ohne dass diese Verschiedenheit den häuslichen Frie- den oder die gegenseitige Liebe stören. Denn die Glieder einer solchen Familie versammeln sich, um zu einer gerechten und wohltätigen Vorsehung zu beten, gleich wie sich Reisende am Ziel wiederfinden, das sie auf verschiedenen Wegen erreicht haben. 130