wollenden Geist, den das Christentum unserer An- betung und unserer Liebe darbietet. Weiter ist zu bemerken: diese Leichtgläubigkeit, diese Starrheit in den Glaubenssätzen, diesen Still- stand in den Anschauungen, alle diese unnatürlichen Dinge, die man im Namen der Religion empfiehlt, laufen dem religiösen Gefühl vollständig zuwider. Was ist denn eigentlich dieses religiöse Gefühl? Es ist das Bedürfnis, die Beziehungen zu kennen, die zwischen dem Menschen und den unsichtbaren, sein Schicksal beeinflussenden Wesen bestehen. Es liegt in seiner Eigenart, dass es jede Glaubensform, die sich bildet oder die man ihm darbietet, daraufhin untersucht, ob sie es befriedigen könne; es liegt wei- terhin in seiner Eigenart, dass es diese Glaubens- formen ändert, sobald sie ihm nicht mehr entspre- chen, dass es ausmerzt, was es verletzt, oder dass es sogar eine neue, ihm besser zusagende Form an- nimmt. Will man es auf die Gegenwart beschrän- ken, die ihm nie genügt, ihm diese Hinwendung zur Zukunft verbieten, wozu es die Unzulänglichkeit der Gegenwart antreibt, so trifft man es tödlich. Überall, wo es dergestalt gefesselt ist, überall, wo aufeinanderfolgende Änderungen der Glaubensfor- men und -lehren unmöglich sind, da kann Aberglaube entstehen, denn Aberglaube ist Verleugnung des Gei- stes und blinde Anhänglichkeit an aufgezwungene Andachtsübungen; da kann Fanatismus entstehen, denn Fanatismus ist rasend gewordener Aberglaube; Religion jedoch kann da nicht entstehen, denn Reli- gion erwächst aus den Bedürfnissen der Seele und den 122