Er ging so weit zu behaupten, dass das Gesetz jede noch so belanglose Handlung verbieten dürfe und dass wir deshalb ihm die Freiheit verdankten, uns zu setzen oder stehen zu bleiben, einzutreten oder hinauszugehen, zu essen oder nicht zu essen; denn es stünde in seiner Macht, es zu untersagen. Wir verdanken diese Freiheit dem Gesetz, gleich wie der Vezir jeden Tag den Sultan dafür pries, dass er seinen Kopf noch auf den Schultern trug. Das Ge- setz jedoch, das über jene belanglosen Handlungen geurteilt hätte, wäre kein Gesetz, sondern eine Ge- waltmassnahme gewesen. Das Wort Gesetz ist ebenso unbestimmt wie das Wort Natur. Wenn man das zweite missbraucht, wirft man die Gesellschaft durcheinander; miss- braucht man das erste, so vergewaltigt man sie. Hätte ich zwischen beiden zu wählen, so würde ich sagen, dass das Wort Natur in allen Menschen ungefähr die gleiche Vorstellung erweckt, während sich das Wort Gesetz auf die gegensätzlichsten Vorstellungen an- wenden lässt. Als man uns in schrecklichen Zeiten Schnüffe- lei, Angeberei und Mord befahl, gebot man sie uns nicht im Namen der Natur. Jedermann hätte den Widerspruch in den Ausdrücken bemerkt. Man be- fahl sie uns im Namen des Gesetzes, und nun gab es keinen Widerspruch mehr. Der Gehorsam gegenüber dem Gesetz ist eine Pflicht; sie ist jedoch wie alle Pflichten nicht unbe- schränkt, sondern bedingt. Sie beruht auf der An- nahme, dass das Gesetz von einem rechtmässigen 79