In allen drei deutschsprachigen Handschriften wurden insgesamt zwölf Bildthemen il¬ lustriert, die die wichtigen Erzählmomente im Verlauf der Geschichte veranschaulichen.341 Der Vergleich der Bildprogramme lässt deutlich erkennen, dass die Heidelberger und die Berliner Illustrationen auf die Hauptpersonen konzentriert sind und ihnen so viel Raum gegeben wurde, wie für ihre Handlung und die Charakterisierung der Umgebung benötigt wurde. 42 Auf den Darstellungen finden sich keine Details, die nicht unmittelbar der Szene angehören. In beiden Codices wurden häufig Erzählmomente auf mehreren aufeinander folgenden Illustrationen verbildlicht. In den Heidelberger Miniaturen wurden der Werk¬ statt bekannte Motivmuster verschieden kombiniert und variiert. Einige Szenen — wie die Geburt oder die Schlachten — erinnern in ihrer Ikonographie an sakrale Darstellungen.543 Sowohl die Heidelberger als auch die Berliner Handschrift wurden mit einem wesent¬ lich dichteren Bildprogramm illustriert als die Wolfenbütteler, in der ausschließlich die Schlüsselszenen der Erzählung wiedergegeben wurden. Der Konzeptor konzentrierte die BebÜderung auf die wesentlichen Handlungsaspekte der Erzählung,344 die nach 42 Folia abbricht.343 Beim Wolfenbütteler Codex kommt noch hinzu, dass die Bilder separat zum Text entstanden und anschließend in die dafür frei gelassenen Felder zwischen den Zeilen eingeklebt wurden.345 Für eine Einbindung in den Textverlauf wurden sie mit einem gel¬ ben Rahmen versehen. Die BÜder des weniger ausführlichen Programms wurden so zwi¬ schen die Zeilen platziert, dass sie, wie in der Heidelberger Version, den zu illustrierenden Textstellen voran stehen.34 Die Konzeption der Bilder in der Wolfenbüttler Handschrift unterscheidet sich von den Illustrationen der Berliner und Heidelberger Zyklen: Die Fe¬ derzeichnungen prägt eine großzügige Schilderung der Umgebung, in der eine Szene sich abspielt, ohne dabei eine erzählerische Rolle einzunehmen.34s In diese fügte der Zeichner winzige Figuren und mehrszenige Darstellungen ein. Die Hauptszenen verlieren sich bei¬ nahe in den ausgedehnten Landschaftsdarstellungen mit zahlreichen kleinen Nebensze¬ nen.344 Wenn in den Miniaturen Zeitabfolgen dargestellt werden sollten, verteilte der Ma¬ ler einzelne Szenen, die nacheinander folgen, entweder auf mehrere Bilder oder er kombi¬ nierte simultan stattfindende Darstellungen auf einem Bildfeld. Das Interesse des Minia¬ tors galt im Wolfenbütteler ,Herpin‘ den Schilderungen von Landschaft und Architektur¬ kulisse.331 Die Illustratoren der Berliner und der Heidelberger Flandschrift stellten einzelne Erzählmomente in ausführlichen Bildfolgen mit ähnlichen Motiven dar.331 In beiden 541 Vgl. hierzu die Synopse in Anhang I. 542 WOLF 2000, S. 22. 543 Stork 2002, S. 605. 544 Wolf 2000, S. 23 545 Zur Rekonstruktion der verschollenen Blätter und der Freilassungen siehe WOLF 2000, S. 50—55. Von den insgesamt 189 bebilderten Szenen der Berliner Handschrift stimmen 22 Bildmotive mit der aus Wolfenbüttel überein, vgl. hierzu Anhang I: Vergleich der Bildprogramme. 546 Stork 2002, S. 604. 547 WOLF 2002, S. 613 (mit Abbildungen der Heidelberger und Wolfenbütteler Handschrift). 548 Wolf 2002, S. 614. 549 Wolf 2002, S. 613. 550 Wolf 2002, S. 616. 551 Wolf 2000, S. 22. 126