6. Vergleich der Bildthemen Die in Heidelberg befindliche Handschrift (Cod. pal. germ. 152) aus der Werkstatt Ludwig Henfflins ist die einzige der drei Herpin-Codices, deren Bildprogramm vollständig ausge¬ führt wurde, ln der Wolfenbütteler (Cod. Guelf. 46 Novissimi °2) wie in der Berliner Handschrift wurden die Miniaturen nicht fertig gestellt. Dieser Umstand ist nichts Unge¬ wöhnliches in der mittelalterlichen Handschriftenproduktion, denn die Ausarbeitung des Bildprogramms wurde häufig aus unterschiedlichen Gründen eingestellt.535 538 Eine unmittel¬ bare Beziehung zwischen dem Heidelberger und dem Berliner Bildprogramm kann auf Grund der differierenden Entstehungsdaten und der unterschiedlichen Disposition von Text und Bild nicht verifiziert werden.1' Das einzig vollständige Bildprogramm zum ,Herpin‘ wurde in Heidelberg im Vergleich zur Berliner Handschrift um 154 Szenen er- ■ 537 weitert. Der Berliner Bilderzyklus enthält ab Kapitel 41 insgesamt 84 Leerstellen, die jeweils vor den Kapiteln positioniert sind und deren Umfang je nach Länge des Textumfangs variiert. Eine Rekonstruktion bleibt zu diesem Zeitpunkt spekulativ, da der Illustrator die leeren Stellen nicht vorgezeichnet hat. Bebildert wurden die Schlüsselszenen, darauf verweist das bereits ausgeführte Illustrationsprogramm. Die Miniaturen sind immer vor den Text ge¬ stellt, die wichtigen Szenen illustriert und die langen Kapitel sind durch mehrere, aufei¬ nander folgende Bildsequenzen in Sinneinheiten unterteilt. Aus den fertig gestellten Mini¬ aturen lässt sich lediglich für die Leerstellen folgern, dass die für die Erzählung wichtigen Szenen bebildert wurden. Da auf den leeren Seiten keinerlei Unterteilung in Bildfelder o- der Bildstreifen angelegt wurde, ist nunmehr nicht eindeutig zu klären, wie viele Einzel¬ szenen der Miniator auf einer Bildseite darzustellen beabsichtigte. Aus dem Vergleich mit den Illustrationen aus der Heidelberger Henfflin-Handschrift sind bei den ausgeführten Zeichnungen Übereinstimmungen mit den Motiven der Schlüsselszenen zu finden, die sich aus den textlich wichtigen Szenen der Erzählung ergeben.' ,s In beiden Bildzyklen fin¬ den sich Szenen, die für das Verständnis des Texts nicht wesentlich sind. So war es jedem Buchmaler überlassen, mit wie vielen Einzelszenen ein Kapitel bebildert wurde. Es ist nicht zweifelsfrei festzustellen, welche Handlungen der Geschichte der Zeichner illustriert hätte, denn es gab für diese Erzählung im deutschsprachigen Raum keine Bildtradition, auf die der Illustrator hätte zurückgreifen können.539 540 So musste er eigene Kompositionen und neue Bildmotive schaffen und auf ihm bekannte Darstellungen zurückgreifen, die er für die Herpin-Illustrationen verwenden konnte. Auch die bebilderte französische Hand¬ schrift kommt auf Grund ihres geringen Bildprogramms nicht als Vorlage in Betracht."4’’ 535 Schmidt 2010, S. 15 und Diemer 2012, S. 637f. 536 Ausführlicher zu einzelnen Handschriften vgl. oben Kapitel 2.3., S. 31—34. 537 Die 154 weiteren Szenen sind im Anhang I zu den Bildthemen aufgeführt. Die Wolfenbütteler Herpin- Version endet bereits nach 21 Illustrationen. 538 Vgl Anhang I. 539 von Bloh 1990, S. 35. 540 In der französischen Handschrift illustrieren lediglich zwölf Deckfarbenminiaturen die Erzählung: VON BLOH 1990, S. 35 und vgl. im Anhang I die Motive der Miniaturen. 125