den Erzählungen und Texten vergangener Zeiten nach ritterlichen Verhaltensstrukturen sowie Tugenden wie Tapferkeit und Frömmigkeit und versuchte diese erneut zu realisie¬ ren, um seinem Anspruch auf die Lehensunabhängigkeit von der französischen Krone, ja auf diese Krone selbst Ausdruck zu verleihen. Unter dieser Prämisse gründete er 1430 am Tag der Hochzeit mit seiner dritten Frau Isabella von Portugal den Orden vom Goldenen Vlies158 in Konkurrenz zum englischen Hosenbandorden und hielt höfische Feste mit Turnieren ab, die für Europa beispiellos blieben.159 1454 fand im Palais du Rihour in Lille das berühmte Fasanenfest statt, auf dem unter anderem der Herzog und seine zahlreichen ritterlichen Ordensmitglieder auf einen lebenden, mit kostbarsten Juwelen geschmückten Fasan einen Eid leisteten, am Kreuzzug teilzunehmen.19" Auch in den Bereichen der Goldschmiedearbeiten und besonders in den Bildmotiven der Tapisserien zeigte sich die¬ ser herrscherliche Anspruch deutlich, indem sich Philipp auf einem seiner zahlreichen Teppichzyklen beispielsweise als Herkules darstellen ließ.191 Offensichtlich wurde Philipps Anspruch auf Macht in der ersten Adaption des ,Girart de Roussillon4, deren Protagonist Girart als gerechter und gottesfürchtiger Herrscher gegen einen ungerechten und rach¬ süchtigen König kämpfen muss, so wie der historische Philipp der Gute von Burgund ge¬ gen den in seinen Augen illegitimen späteren französischen König Karl VII.1,2 Es wurde nicht nur der Text des ,Girart de Roussillon4 für Philipp zu einer Lobrede burgundischer Macht und Ambitionen umgewandelt, viele der Epen erfuhren im Zuge dessen eine Neu¬ komposition oder wurden in die Prosaform überführt.16 ’ In einigen seiner Chansons-de- geste-Adaptionen gibt es Akteure, die im realen Umfeld Philipps zu finden waren.194 Auch 158 Scholz Williams 1988b, S. 55; Huizinga 1987, S. 95-97 und 441 (Zeittafel); Kilgour 1966, S. 251; VAUGHAN 1970, S. 54-57; LEXMA VI, Sp. 2069f.; SöLON 2006, S. 530. Nur zur Hochzeit ÖOUREPONT 1909, S. 481. Zum Orden vom Goldenen Vlies VAUGHAN 1970, S. 160—163 und RAPP BURl/STUCKY- SCHÜRER 2001, S. 145-149. 159 KILGOUR 1966, S. 227; zu den Festen und Turnieren Philipps und seines Sohnes Karls des Kühnen, die teilweise literarische Vorlagen zum Vorbild hatten, siehe ebenso ÖOUTRE^PONT 1909, S. 104—106. 16° VANDERJAGT 2003, S. 417, Anm. 16 mit weiterführender Literatur; VAUGHAN 1970, S. 143-145 und 297f.; KLIGOUR 1966, S. 253-257; HUIZINGA 1987, S. 101 und S. 302; ÖOUTREPONT 1909, S. 106-117: Philipp der Gute bediente sich bei der Durchführung des so genannten Fasanenfestes ebenfalls ihm aus der Literatur bekannter Vorlagen, ÖOUTREPONT 1909, bes. S. 113-117. 161 JAMES Moodey 2002, S. 9f. und ÖOUTREPONT 1909, S. 117-119; SOLON 2006, S. 530f. Nicht nur diese drei Kunstgattungen förderte Philipp der Gute, sondern auch unter anderem die Malerei. Er übernahm 1425 die Förderung des Hofkünstlers Jan van Eyck, als er die Ländereien Johanns von Bayern, der Her¬ zog von Holland und Fürstbischof von Lüttich war, erwarb. Van Eyck sollte die beiden Gesandten nach Portugal begleiten, um ein Porträt von Philipps zukünftiger Ehegattin Isabella anzufertigen. Siehe VAUGHAN 1970, S. 154f. und PACHT 320 02, S. 80. Auch Rogier van der Weyden schuf einige Porträts Philipps des Guten, seiner Ehegattin Isabella von Portugal, ihres Sohnes Karls des Kühnen und der Frau seines Kanzlers Nicolas Rolins. 162 Scholz Williams 1988b, S. 66. 163 So auch die Geschichten der Helden ,Renaud de Montauban4, ,Ogier le Danois4, ,Cleomades‘ und ,Gui de Warwick4, vgl. hierzu KILGOUR 1966, S. 242f. und VAUGHAN 1970, S. 157. Von insgesamt 85 Pro¬ sahandschriften sind heute noch 30 Exemplare aus der Bibliothek der burgundischen Herzoge bekannt, Doutrepont 1909, S. 482-485. 164 Philipp forderte die friesische Krone, auf die sein Herzogtum früher Anrecht hatte, da Friesland lose Burgund angehörte. Ein friesischer König namens Godebaut erscheint deswegen als Verbündeter Karls 27