aus der Düdelinger Hochofenanlage aus den 1920cm. Es musste daher häufig mit Pro¬ jektionen und Analogiebildungen gearbeitet werden. Immer wieder stellte sich dabei die Frage, ob die punktuellen Erkenntnisse generalisierbar sind. Da aber die Arbeitssi¬ tuation im Eisen- und Stahlbetrieb über verschiedene Werke und Reviere hinweg recht gleichartig strukturiert war, konnten zugleich immer wieder Befunde aus anderen Wer¬ ken zum Vergleich herangezogen werden, sodass die Ergebnisse, obwohl sie punktuellen Charakter hatten, doch recht zuverlässig erschienen. Bei zwei Quellengattungen ergab sich ein gleichsam entgegengesetztes Problem: Hier waren die Datensätze zu groß und die Dokumente zu sperrig, um vollständig in¬ nerhalb einer vertretbaren Zeit von einer einzelnen Person bearbeitet zu werden. Die Neunkircher Fremdenbücher und vor allem die Düdelinger Stammlisten lieferten unge¬ mein informative, aber eben auch nur schwer zu bewältigende Datenmengen, die folg¬ lich auf der Basis von Stichproben untersucht wurden. Natürlich stellte sich während der empirischen Erhebung ebenso wie während der Auswertung und Interpretation im¬ mer wieder die Frage nach der Zuverlässigkeit des gewählten Verfahrens, denn auch hier wurden aus punktuellen Befunden weitreichende Folgerungen etwa über das Fluktua¬ tionsverhalten und die Qualifikationsstruktur der Düdelinger Arbeiter sowie über die regionale Provenienz der Neunkircher Hüttenleute gezogen. Die Studie darf so gesehen durchaus als Ansatz- und Ausgangspunkt einer weiteren Forschungsdiskussion verstanden werden. Mit den Düdelinger Stammlisten, den Neun¬ kircher Fremdenbüchern und anderen Quellengattungen liegen Dokumentkorpora vor, die bis dato sträflich vernachlässigt wurden. Es lässt sich mit Fug und Recht behaup¬ ten, dass die Düdelinger Stammlisten in ihrem Umfang und in ihrer Geschlossenheit einen Quellenkorpus darstellen, wie er nicht häufig aufzufinden ist. Ulrich Zumdick beispielsweise sprach im Zusammenhang mit den Arbeiterstammlisten der Phoenix- Hütte in Duisburg-Faar, die weniger geschlossen überliefert sind als das Düdelinger Pendant, von einem „in vieler Hinsicht außergewöhnlichen Quellenfund“, der seine Studien überhaupt erst inspiriert und motiviert habe.1' Der luxemburgischen Sozialge¬ schichtsschreibung stellt sich in Zukunft die Aufgabe, das Material - vielleicht auf der Grundlage der hier vorgegebenen Fragestellungen - systematischer und flächendecken¬ der auszuwerten und damit gerade das betriebliche Handlungsfeld in seinen Struktur¬ prinzipien und Funktionsmechanismen noch genauer zu analysieren. Für die saarländische beziehungsweise Neunkircher Forschung stellt sich künftig die Aufgabe, die bislang eher marginal oder dilatorisch behandelte Migrationsgeschichte aufzuwerten. Durch eine systematische und sorgfältige Analyse der Neunkircher Frem¬ denbücher - die keineswegs nur über die Hüttenarbeiterschaff informieren - lassen sich tiefe Erkenntnisse über die Sozialgeschichte der saarländischen Industrialisierung und das soziokulturelle Profil der Saarbevölkerung gewinnen. Auf der Basis der Frem¬ denbücher sind wertvolle Einsichten in charakteristische Wanderungsströme zwischen 13 Zumdick 1990, S. 17. 584