In der Rückschau betrachtet standen die Neunkircher Arbeiterorganisationen trotz aller Anstrengungen auf verlorenem Posten. Wie im gesamten Saargebiet behielt die Deutsche Front vor allem dank der Inkorporierung der bürgerlichen Parteien und des (politischen) Katholizismus die Oberhand. In Neunkirchen erzielten die Rück¬ gliederungsbefürworter 88,4 Prozent der Stimmen, die Anhänger des Status Quo nur 11,5 Prozent und diejenigen, die sich für einen Anschluss an Frankreich aussprachen, verschwindend geringe 0,1 Prozent. 9 Noch am 15. Januar 1935, dem Tag, an dem der überwältigende Abstimmungserfolg der Deutschen Front verkündet wurde, 98 wurde in Neunkirchen eine antifaschistische Kundgebung abgehalten. Gleichzeitig flüchteten sich zahlreiche Anhänger der Arbeiterparteien vor dem nun immer offener einsetzen¬ den Terror ins Volkshaus, das einem sozialdemokratischen Emigranten zufolge „einem Flüchtlingsasyl glich“. Die Entscheidung für Hitlerdeutschland bedeutete das vorüber¬ gehende jähe Ende der noch jungen Neunkircher Arbeiterbewegung. 99 Zu Beginn dieses Kapitels VI wurde die Leitfrage formuliert, ob der Erste Weltkrieg als Zäsur in der Geschichte der Arbeiterbewegung an beiden Untersuchungsorten gel¬ ten darf. Diese Frage kann prinzipiell positiv beantwortet werden: Die sozialistisch-so¬ zialdemokratische Arbeiterbewegung erlebte in der zweiten Kriegshälfte ihren Durch¬ bruch und war in der Zwischenkriegszeit fester Bestandteil des politischen, sozialen und kulturellen Lebens in beiden Industriegemeinden. Dies lässt sich etwa anhand der Mitgliederzahlen der Gewerkschaften, aber auch anhand vereinzelter Wahlergebnisse nachvollziehen. Ebenso signifikant scheint zu sein, dass der 1. Mai zu einem festen Be¬ standteil des lokalen Festkalenders wurde und die Arbeiterbewegungen etwa durch die Volkshäuser das Stadtbild mitprägten. Zwar konnte die Beteiligung der Hüttenarbeiter an den einzelnen Organisationen aufgrund fehlender Quellen800 nicht exakt bestimmt werden; mehrere Punkte sprechen allerdings für eine maßgebliche Partizipation der Eisen- und Stahlarbeiter an den aufstre¬ benden Organisationen: Erstens muss auf das demographische Gewicht der Hüttenleute 9 Siehe Kühn 1005, S. 337. 98 Die Deutsche Front erhielt landesweit 90,8 Prozent der abgegebene Stimmen bei 97,8 Prozent Wahlbeteiligung. Für den Status Quo stimmten gerademal 8,8 Prozent, die restlichen 0,4 Prozent spra¬ chen sich für einen Anschluss an Frankreich aus. Zum Ergebnis der Wahl siehe Schock (Hrsg.) 1984, S. 15. Zur Interpretation der Abstimmung beziehungsweise der Gründe für den klaren Sieg der An¬ gliederungsbefürworter vgl. Burgard, Paul: Das Saarland im Nationalsozialismus (1935-1945), in: Herrmann, Hans-Christian/ScHMiTT, Johannes (Hrsgg.): Das Saarland. Geschichte einer Region, St. Ingbert zoii, S. 163-311, hier S. 171-174. 99 Zu dieser letzten Kundgebung der Einheitsfront vgl. Schock (Hrsg.) 1984, S. 15 f. Zitat nach ebd., S. 16. Nach der Rückkehr zu Deutschland wurden führende Neunkircher Arbeiterfunktionäre wie Her¬ mann Petri oder Karl Schneider verhaftet, andere gingen ins Exil, die Zurückgebliebenen verloren zu¬ meist ihre Anstellung. Vgl. 40 Jahre SPD Ortsverein Neunkirchen-Zoo, S. 19. 800 Sicherlich wären Mitgliederlisten mit Berufsbezeichnungen interessant gewesen. Wahrscheinlich wurde in Neunkirchen nach dem 13. Januar 1935 viel Material zerstört. 573