stets so voll Körbe und Säcke mit zu Wucherpreisen erbettelten alten Kartoffeln und Frucht!1 Zugleich klagt er die Bauern scharf an: „Viele Bauern scheinen das Scham- und Ehregfiihl vollständig verloren zu haben und sind daher schlimmer als unsere Feinde spec. die Engländer. [...] Pfui daher über alle, die diese traurige Notlage so ausnützen!'293 Der Weltkrieg mit all seinen Verwerfungen riss tiefe soziale Gräben. Hinzu kamen die periodisch wiederkehrenden Luftangriffe, die sich in erster Linie gegen die Hütte richteten und „nur geringen Schaden, aber dafür um so mehr Aufre¬ gung in der Bevölkerung verursachten“. Die Zahl der Fliegeralarme, „welche die Men¬ schen ängstlich in ihre Hauskeller trieben“, war bei weitem höher als die der tatsächli¬ chen Angriffe. Die ersten Angriffe auf Neunkirchen wurden in der Nacht vom 12. auf den 13. November 1916 geflogen, die letzten im August 1918. Zur Abwehr der feindli¬ chen Flugzeuge, Lenkballons und Luftschiffe wurden auf verschiedenen Anhöhen so¬ wie verstärkt um das Eisenwerksgelände herum Flakstellungen eingerichtet. Dennoch wurden die Betriebsanlagen mehrfach getroffen, beispielsweise Ende Dezember 1916, als 15 Bomben größeren Schaden anrichteten.294 Der Krieg hatte überdies Auswirkungen auf die Produktion. Schritt für Schritt wur¬ den die Werksanlagen partiell den veränderten Ansprüchen, die die Kriegswirtschaft mit sich brachte, angepasst. Im Dezember 1914 wurde eine Benzolfabrik zur Treibstoff¬ versorgung errichtet. Im gleichen Jahr wurde ein Elektroofen mit zwölf Tonnen Fas¬ sungsvermögen zur Herstellung von Stahlgussgranaten installiert. 1917 schließlich wur¬ de der Bau des Martinstahlwerks als Rüstungsbetrieb zur Fertigung von Granaten und Geschossen begonnen. Durch die Schwerpunktverlagerung wurden andere Bereiche zu¬ rück gefahren. So musste das Puddelwerk 1915 aus Mangel an Fachkräften seinen Betrieb einstellen. Bereits vor dem Krieg wurde mit dem Um- und Ausbau des Walzwerks ein ausgesprochen ambitioniertes Projekt in Gang gesetzt, das aber durch den Krieg zwi¬ schenzeitlich gestoppt wurde: Von 15 geplanten Walzstraßen wurden bis Kriegsende nur vier realisiert. Auch die Roheisenerzeugung wurde zurückgeschraubt. Betrug diese im Jahr 1914 noch 282.096 Tonnen, so sank sie im Folgejahr auf 191.249 Tonnen, um dann wieder leicht zu steigen. Im letzten Kriegsjahr 1918 wurden 222.745 Tonnen Roheisen erschmolzen.29> Die kriegsbedingten Paradigmenwechsel zogen gleichermaßen tiefe Einschnitte in die Belegschaffsstruktur nach sich. Rein quantitativ verminderte sich die Belegschaft zunächst beträchtlich von 5.266 im Geschäftsjahr 1914/15 auf nur 3.347 im folgenden Jahr 1915/16, Bis Kriegsende war die Zahl zwar wieder auf über 4.100 gestiegen, erreichte aber nicht das 293 Grenner nennt weitere Fahrten ins Umland etwa am 5. März 1916, am 22. März 1916, am 8. April 1916 und am 30. Mai 1916. Vgl. Labouvie (Hrsg.) 2001, S. 318 ft. Die beschriebene ,Butterfahrt“ vom 28. Juli 1917 und entsprechende Zitate ebd., S. 320. 244 Vgl. Stadtverwaltung Neunkirchen (Hrsg.) 1955, S. 138 ff Zitate ebd., S. 138. Vgl. auch San¬ der 2012, S. 208. 29'' Vgl. Stadtverwaltung Neunkirchen (Hrsg.) 1955, S. 293 ff. Alle Zahlen und Daten ebd. Vgl. außerdem Frühauf 1980, S. ii2f. 465