sigkeit der gesamten Zwischenkriegsperiode. Auch die mentalen Folgen des Krieges, um noch eine dritte Dimension zu nennen, waren gewaltig: In seinen Ausmaßen erschütter¬ te der Erste Weltkrieg alte, noch von einem optimistischen Fortschrittsglauben beseelte Weltbilder. Zugleich beförderten seine Brutalität und schiere Allgegenwärtigkeit - zu denken wäre etwa an die zahlreichen Kriegsversehrten, die gerade in den Großstädten das Straßenbild prägten - eine mentale und nicht zuletzt politische Radikalisierung und Polarisierung.266 Auch für die europäische Arbeiterbewegung bedeutete der Erste Weltkrieg eine Epo¬ chenscheide, die sich umso heftiger bemerkbar machte, je stärker sozialdemokratisch-so¬ zialistische Parteien und Freie Gewerkschaften vor 1914/18 gesellschaftlich wie politisch marginalisiert waren. Deutschland darf hier durchaus als prototypisch gelten: Von einer politisch diskriminierten Bewegung - versinnbildlicht in stigmatisierenden Wendun¬ gen wie ,vaterlandslose Gesellen1 oder ,Reichsfeinde1 - avancierte die Sozialdemokratie zwischen 1914 und 1918/19 zur Regierungspartei und zur staatstragenden Kraft.26 Mehrere Faktorenbündel evozierten in ihrer wechselseitigen Verschränkung und Dynamisierung diesen Prozess.26S Zunächst ist die während des Krieges um sich grei¬ fende, tief wirkende soziale Krise zu nennen. Ressourcen- und Lebensmittelknappheit, Teuerung, materielle Not und Verelendungstendenzen machten sich zum Teil zwar ge¬ samtgesellschaftlich bemerkbar, aber die Arbeiterschaft wurde von den Pressionen am härtesten getroffen.269 * Im Deutschen Reich, aber auch im besetzten Luxemburg mussten während des Krieges und darüber hinaus Lebensmittel streng rationiert werden. Die so¬ ziale Krise betraf dabei vor allem die Arbeiter in den nicht unmittelbar kriegswichtigen Industrien, während die Beschäftigten der Rüstungsindustrie noch von Sonderzulagen profitierten, welche die schlimmsten Auswirkungen ein Stück weit abfederten.2 0 Da die Probleme nicht adäquat gelöst werden konnten, somit keine Aussicht auf baldige Besse¬ rung bestand, verschärfte sich die soziale Krise zu einer Vertrauenskrise gegenüber den Zu den Folgen des Ersten Weltkriegs vgl. Schulin 1994, passim. 26 Zum Aufstieg der Arbeiterbewegung in europäischer Perspektive vgl. Brandt 1996, S. 137. Das Beispiel des Rheinlands und des Ruhrgebiets diskutiert in diesem Zusammenhang Reulecke, Jürgen: Der Erste Weltkrieg und die Arbeiterbewegung im rheinisch-westfälischen Industriegebiet, in: REULE- СКЕ, Jürgen (Hrsg.): Arbeiterbewegung an Rhein und Ruhr. Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbe¬ wegung in Rheinland-Westfalen, Wuppertal 1974, S. 105-240. 268 Die Folgen des Ersten Weltkriegs für Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung in einer allgemeinen Perspektive skizziert Husung 1986, passim. 269 Grundlegend zu diesen gerade in der Arbeiterschaft festzustellenden Verelendungstendenzen: Коска, Jürgen: Klassengesellschaft im Krieg. Deutsche Sozialgeschichte 1914-1918 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 8), Göttingen 1973, bes. S. 12-21. Коска stellt fest, dass der Krieg „eine Knappheits-, Verelendungs- und Ausbeutungssituation [schuf], wie sie seit Beginn der Industrialisie¬ rung nicht mehr existiert hatte“. Siehe ebd., S. 21; vgl. außerdem Ulrich, Volker: Kriegsalltag und deutsche Arbeiterschaft 1914-1918, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 43 (1992), S. 220- 230, hier S. 222 f. 211 Vgl. Kocka 1973, S. 14 h 459