und in Haiberg i$o.35 38 Selbst innerhalb der freigewerkschaftlichen Diaspora, die das Saar¬ revier darstellte, fiel Neunkirchen bis zum Ersten Weltkrieg nach unten ab. Der Landrat des Kreises Ottweiler konnte dementsprechend noch 1906 vermelden: „Weder in der Zeit der in anderen Bezirken veranstalteten Wahlrechts-Demonstratio¬ nen, noch zwecks Veranstaltung einer Maifeier sind im Kreise Ottweiler Versuche von socialdemokratischer Seite unternommen worden, sodass von socialdemokratischer Bewegung im Kreise Ottweiler bisher nicht die Rede sein kann!136 Der Landrat wuss¬ te lediglich von zwei abgelegten Bergleuten zu berichten, die Llugblätter in Neunkir- cher Kneipen verteilt hätten. Möglicherweise resultierten die weiter oben aufgeführten Sanktionsmaßnahmen Stumms gegen diverse Wirtshäuser wenige Jahre zuvor aus ähn¬ lichen Llugblattaktionen. Erst das Jahr 1907 gilt dann als Geburtsstunde der Neunkir- cher Sozialdemokratie. Schon am 17. Dezember 1906 wurde Nikolaus Osterroth von den wenigen Parteimitgliedern aus dem Wahlkreis Ottweiler-St. Wendel-Meisenheim als Kandidat für die Reichstagswahl nominiert. Osterroth, ein Bergarbeiter und später erster besoldeter Parteisekretär im Saarrevier, erhielt bei der Wahl im Januar 1907 571 Stimmen. Am 5. März 1907 schließlich wurde eine Konferenz einberufen, in der sich ne¬ ben einer Wahlkreisorganisation eine SPD-Ortsgruppe für Neunkirchen formierte. Die Pioniere der Neunkircher SPD waren mit ziemlicher Sicherheit keine Hüttenarbeiter, sondern Vertreter verschiedener Handwerksberufe. Unter den Gründungsmitgliedern befanden sich beispielsweise Buchdrucker und Pflasterer.3 An der Hütte gingen alle frü¬ hen Organisationsversuche spurlos vorüber. So mussten die Verfasser mehrerer Jubilä¬ umsbroschüren des SPD-Ortsvereins Neunkirchen, die ansonsten die Lrühzeit der Par¬ tei heroisch verklären und die in derartigen Publikationen übliche Parteihagiographie betreiben, eingestehen: „Bis zum 1. Weltkrieg blieb die SPD in Neunkirchen, wie im Saarrevier allgemein, eine politische Randerscheinung“,33 und speziell in Neunkirchen konnte die Partei, die andernorts im Reich auf breiter Lront im Vormarsch war, „bis zum ersten Weltkrieg [...] keine breitere Basis gewinnen“.39 Es ist immer problematisch, ex negativo zu argumentieren, mithin Belege für die Nichtexistenz eines Phänomens zu sammeln. Dennoch dürfte klar geworden sein, dass gerade unter den Neunkircher Hüttenarbeitern politische Organisation im Sinne der in¬ stitutionalisierten Arbeiterbewegung - selbst wenn man mit dem weit gefassten Begriff 3> Alle Zahlen nach Ebenau 1990, S. 43. Der Autor beruft: sich auf eine vom DMV 1910 publizierte Studie. 36 Zitiert nach 100 Jahre SPD Neunkirchen. Zusammengestellt von Peter Bierbrauer und Sören Meng, Bexbach 2.008, S. 8. Zur Gründungsgeschichte der Neunkircher SPD vgl. ebd., S. 7-10: außerdem 75 Jahre SPD Neun¬ kirchen/Saar, o. O. 1982,, S. 15 ff.; 40 Jahre SPD-Ortsverein Neunkirchen-Zoo, o. O. 1997, S. 15 f. Alle drei Broschüren finden sich unter anderem im Stadtarchiv der Kreisstadt Neunkirchen, Bestand Kleine Schriften, Schlagwort Parteien/SPD. 38 100 Jahre SPD Neunkirchen, S. 10. 39 Ebd., S. 7. 40 f