treter der politischen und vor allem der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung an der Saar - August Bebel referierte 1892 in Bildstock, ab 1903 warb der hochrangige Gewerkschafts¬ funktionär Hans Böckler im Auftrag des DMV an der Saar um Mitglieder19 - konnte eine organisatorische Infrastruktur ansatzweise lediglich in dem seit 1909 vereinigten Saarbrü¬ cken ausgebildet werden. Um ihre Aktionen zu koordinieren, mussten sich die wenigen im Saarrevier aktiven Gewerkschafter nicht selten über die preußisch-bayerische Grenze nach St. Ingbert zurückziehen, herrschte doch in Bayern ein liberaleres Vereinsrecht als in Preußen. So mussten in den preußischen Gebieten Mitgliederlisten eingeschriebener Gewerkschafter vorgelegt werden, in Bayern entfiel diese Regelung.15 16 Trotz der defizitären organisatorischen Entwicklung kam es genau zu jener Zeit, als Bebel die eingangs zitierten Zeilen verfasste, zu einer größeren Ausstandsbewegung an der Saar, in deren Verlauf sich wenigstens vorübergehend auch festere Organisations¬ strukturen ausbildeten. In Reaktion auf die Massenstreiks ihrer Berufskollegen im Ruhr¬ gebiet und in Schlesien traten 1889 die Bergarbeiter an der Saar in den Ausstand. Die Streikwelle zog sich immerhin knapp vier Jahre bis zu ihrer endgültigen Niederschlagung im Jahr 1893 hin. Auf dem Höhepunkt der Proteste, Anfang Januar 1893, befanden sich nicht weniger als 25.000 Bergleute - das waren rund 84 Prozent der Belegschaften - im Ausstand. Organisatorisch getragen wurde die Bewegung vom „Rechtsschutzverein für die Bergleute des Oberbezirksamtes Bonn“, der Anfang August 1889 seine Tätigkeit im Saarrevier aufnahm und seinen Sitz in Bildstock hatte, an jenem Ort also, wo Bebel 1892 sprach.1 Sollte der sozialdemokratische Gründervater Hoffnungen gehegt haben, im Windschatten des Rechtsschutzvereins die eigene Organisation endlich im Saarrevier etablieren zu können, sah er sich getäuscht. Der Rechtsschutzverein selbst, der nach der Niederschlagung des Streiks schnell einging, distanzierte sich ganz ausdrücklich von den Sozialdemokraten, obwohl der Ottweiler Landrat in einem Lagebericht über den Verein in Neunkirchen vom 4. Juli 1890 die Prüfung ankündigt, ob einer der Redner „sozialistischen Ideen zuneigt“.18 19 So hieß es in einem Aufruf: „Lasset euch nicht irre machen, wir sind keine Sozialdemokraten, wir sind nur Vertreter un¬ serer Rechte und Pflichten, die uns Gott auferlegt hat, indem wir für unsere Familien sorgen, aber auch für die Religion, die ein jeder Mensch haben muß und welche die erste Polizei des Staates ist. Darum Kameraden: Wir werden nie in das Fahrwasser der Sozialdemokraten übergehen [,..].“19 15 Zum Wirken von Hans Böckler an der Saar vgl. Heinz Joachim: „Die Hunde der Herren führen ein schöneres Leben als Ihr.“ Hans Böcklers gewerkschaftliche Tätigkeit an der Saar 1903-1907. Kommen¬ tierte und bebilderte Reprintausgabe der Böcklerschen Werbeschrift „Es werde Licht!“ aus dem Jahr 1906 (Beiträge zur Regionalgeschichte, Bd. 1), St. Ingbert 1992, S. 9-41. 1(1 Sander 1012, S. 184h und 204. 1 Zum Streik der Bergleute 1889 bis 1893 vgl. Mallmann/Steffens 1989, S. 69-94. 18 Zitiert nach Labouvie (Hrsg.) 2001, S. 336. 19 Zitiert nach Ebenau 1990, S. 30. 397