vom bürgerlichen Sozialreformflügel und wurde zu der expliziten Interessenvertretung der industriellen Lohnarbeiterschait.6 8 Des Weiteren ist daraufhinzuweisen, dass die so¬ zialdemokratischen Freien Gewerkschaften die anderen Richtungsgewerkschaften bei weitem überragten. So übertraf allein der Deutsche Metallarbeiterverband, der ja nur ein Segment der freigewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft umfasste, im Jahre 1913 sämtliche christlichen Einzelgewerkschaften zusammengenommen in seiner Mit¬ gliederzahl. Die Vorrangstellung der Freien Gewerkschaften, die auch an den beiden Untersuchungsorten festzustellen war, rechtfertigt die thematische Fokussierung. Die institutionell fassbare Arbeiterbewegung war gekennzeichnet durch ihre „doppel- polige politische Konstituierung“*. Ihre Eckpfeiler bildeten die Partei(en) als politischer Arm und die Freien Gewerkschaften. Zwar barg die Frage, welcher Organisationsform die Führungsrolle zustünde, zeitweise reichlich Konfliktpotenzial;9 letztlich waren beide aber nur im Zusammenspiel denkbar, verfolgten sie doch weitgehend die gleichen Ziele und bildeten durch personale Überschneidungen eine kohärente soziopolitische Kraft. Komplettiert und vernetzt wurde die sozialdemokratische Arbeiterbewegung durch zahlreiche Vorfeldorganisationen, die verschiedene lebensweltliche Bedürfnisse befrie¬ digten und ebenfalls personell mit Partei und Gewerkschaft eng verflochten waren. Da im Sinne einer typologisierenden Arbeitergeschichte die Hüttenarbeiterschaft im Mittelpunkt des Interesses steht, soll nach dem Organisationsverhalten speziell der Ei¬ sen- und Stahlarbeiter in Neunkirchen und Düdelingen gefragt werden. Somit muss die Organisationshistoriographie sozialempirisch geerdet werden. Diesem aus der Fra¬ gestellung der Studie resultierenden Anspruch stehen aber - dies muss gleich vorweg genommen werden - erhebliche und zum Teil überhaupt nicht lösbare Quellenprob¬ leme entgegen. Zwar ist an beiden Orten, wenigstens zeitweise, einiges bekannt zum Werdegang von Parteien und Gewerkschaften in ihrer Gesamtheit; über ihre soziale Zusammensetzung nach Arbeiterkategorien und Branchen schweigen die einschlägigen Quellen aber weitgehend. Hier muss sich die Darstellung bisweilen auf der Ebene von Hypothesen und auf der Basis von Indizien bewegen. Generell ist festzustellen - die So¬ zialstrukturanalysen im ersten Teil der Studie haben es gezeigt dass Neunkirchen und 6 Siehe dazu Коска, Jürgen: Die Trennung von bürgerlicher und proletarischer Demokratie im euro¬ päischen Vergleich, in: Коска, Jürgen (Hrsg.): Europäische Arbeiterbewegungen im 19. Jahrhundert. Deutschland, Österreich, England und Frankreich im Vergleich, Göttingen 1983, S. 5-10. Vgl. Schönhoven 2001, S. 66. 8 Wehler 1995, S. 158. 9 Unter anderem ging es um die Frage nach der angemessenen Strategie gegenüber der bestehen¬ den Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Während einige Parteitheoretiker wenigstens bis zum Durchbruch des Revisionismus auf eine möglichst schnelle Überwindung der bestehenden Ordnung drängten, fuhren die Gewerkschaften einen reformorientierten Kurs, der auf schrittweise materielle Verbesserungen innerhalb des bestehenden Systems setzte. Vgl. Schönhoven 2002, S. 51 -65. Außer¬ dem wurde lange Zeit um die Führungsrolle innerhalb der Arbeiterbewegung gestritten, ehe auf dem Mannheimer Parteitag von 1906 ein Kompromiss erzielt wurde. Siehe dazu Tenfelde/SchÖNHO- ven/Schneider u. a. 1987, S. 236-243. 395