vertritt Mommsen einen, so könnte man sagen, weiten Begriff von Arbeiterbewegung. Demgegenüber steht ein enger gefasstes, aber häufiger anzutreffendes Verständnis, wo¬ nach als Arbeiterbewegung im eigentlichen Sinne lediglich die sozialistischen Richtun¬ gen gelten. Hartmut Zwahr etwa fragt in einem Aufsatz nach der territorialen Ver- und Ausbreitung der deutschen Arbeiterbewegung, bezieht sich dabei aber ausschließlich auf sozialdemokratische und sozialistische Vereinigungen.4 5 Freilich trägt Zwahr als Ver¬ treter der DDR-Historiographie ideologischen Erwägungen Rechnung. Die engere De¬ finition des Begriffs findet aber in der westdeutschen Geschichtsschreibung beziehungs¬ weise auch in der neueren Forschung in den meisten Fällen Anwendung. In der vorliegende Studie wird ein Verständnis von Arbeiterbewegung postuliert, das sich dem enger verstandenen Begriff annähert, ohne aber die nicht sozialdemokra¬ tisch-sozialistischen Richtungen aus dem Auge zu verlieren. Den emanzipatorischen Anspruch, von dem Mommsen und andere sprechen, vertrat in gewisser Hinsicht und unter bestimmten Zeitumständen auch der politische Katholizismus: Im protestantisch geprägten Deutschen Kaiserreich der Kulturkampfzeit wohnte dem Katholizismus eine dezidiert oppositionelle und emanzipatorische Komponente inne. Die Auseinanderset¬ zungen Karl Ferdinand Stumms mit dem katholischen Klerus, sein Kampf gegen die ul¬ tramontane Presse und gegen sozialreformerische Strömungen aus dem Katholizismus brachten die Katholiken in Opposition zu den lokalen Funktionseliten. Für Arbeiter stellte der Katholizismus ferner mit den christlichen Gewerkschaften und katholischen Arbeitervereinen ein eigenes Partizipationsangebot bereit.'' Insofern wäre es nicht ange¬ bracht, die katholische Strömung vollständig auszublenden. Ebenso sollen auch bürger¬ lich-liberale Bestrebungen, das heißt in erster Einie die Hirsch-Dunckerschen Gewerk¬ vereine, ins Blickfeld gerückt werden, wo dies angemessen und notwendig erscheint. Dennoch konzentriert sich die Analyse klar auf die sozialdemokratisch-sozialistische Richtung. Sie vertrat den Anspruch, speziell die Anliegen der (Industrie) Arbeiterschaft zu vertreten, wohingegen der politische Katholizismus zwar einen Arbeitnehmerflügel ausbildete, letztlich aber keine spezifische Bewegung der Arbeiter war. Es ging im Ka¬ tholizismus weniger um Emanzipation und Partizipation der Arbeiterschaft, als viel¬ mehr um die Bekämpfung sozialer Missstände im Sinne der katholischen Soziallehre. Seit der „Trennung von bürgerlicher und proletarischer Demokratie“ in den 1860er Jah¬ ren grenzte sich die sozialdemokratische Arbeiterbewegung zudem ganz dezidiert ab 4 Vgl. Zwahr, Hartmut: Die deutsche Arbeiterbewegung im Länder- und Territorienvergleich 1875, in: Geschichte und Gesellschaft 13 (1987), S. 448-507, passim. 5 Vgl. Loth 1991, S. 298-304. Loth spricht hier auch von einer „eigenständigen Arbeiterbewegung" (S.298), was aber aufgrund der Verwurzelung im katholischen Milieu und der Verbindung zu Klerus und Kirche nicht angebracht ist. Einen Überblick über Formen der christlichen Arbeiterbewegung so¬ wie eine Forschungsübersicht liefert Schneider, Michael: Christliche Arbeiterbewegung in Europa. Ein vergleichender Literaturbericht, in: Tenfelde, Klaus (Hrsg.): Arbeiter und Arbeiterbewegung im Vergleich (Historische Zeitschrift, Sonderhefte Bd. 15), München 1986, S. 477-505. Zur besonderen Situation an der Saar vgl. u. a. Mallmann 1984. 394