hältnissen: Die Arbeiterpolitik Emile Mayrischs und der weiteren Düdelinger Hütten¬ verantwortlichen umgab die Aura des Exzeptionellen, im Positiven wie im Negativen. Tatsächlich gibt es Hinweise, dass das politische Verhalten der Werksangehörigen stets im Auge behalten wurde, dass politische Repression mithin Bestandteil des Betriebs- alltags war. So finden sich in den Stammlisten mitunter Hinweise auf Schwarze Listen („listes noires“).810 Mittels dieser Proskriptionslisten wurden nicht zuletzt politisch un¬ liebsame Arbeiter registriert und von den Werken entfernt. Auch existierten nicht sel¬ ten regionale Absprachen zwischen den Unternehmen: Wer auf einer Schwarzen Liste stand, wurde auf einem Werk der Region, zumindest während einer Sperrfrist, nicht wieder eingestellt. Für das Saarrevier sind solche Repressionsinstrumente, die Unterneh¬ mertum und Staat gemeinsam bedienten, klar nachzuweisen,81' und auch im luxembur¬ gischen Minettebassin gab es derlei Einrichtungen. In der frühen Zwischenkriegszeit zeigte sich die Düdelinger Werksleitung schließlich intransigent gegenüber denjenigen Werksbeschäftigten, die an der großen Streikwelle 1921 als Protagonisten teilhatten, er¬ wiesen sich also gleichermaßen als entschlossene Kämpfer gegen politische Emanzipa- tions- und Partizipationsansprüche, die ihre eigenen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Hegemonieansprüche gefährden konnten.812 Jürgen Kocka kommt zu dem Urteil: „Die bekannten illiberalen Versuche von Krupp und vor allem von Stumm, durch Verbote und Gebote ins Privatleben ihrer Arbeiter ein¬ zugreifen - durch das Verbot der Lektüre sozialdemokratischer Zeitungen oder gar durch die Verpflichtung, vor der Heirat die Zustimmung der Unternehmensleitung einzuho¬ len -, standen vermutlich nicht allein, aber typisch waren sie nicht!‘812 Tatsächlich sollte man Stumm nicht als Parade-, sondern als Extrembeispiel betrachten: Kaum ein anderer Schwerindustrieller ging in der außerbetrieblichen Einflussnahme so weit. Die meisten der hier aufgezeigten Beispielfälle stammen folgerichtig aus dem Neunkircher Eisenwerk unter der Ägide Karl Ferdinand Stumms. Stumms Nachfolger und die Düdelinger Werks¬ verantwortlichen blieben demgegenüber deutlich zurück. Dennoch war man auch in Dü¬ ddingen darum bemüht, in die Privatsphäre der Werksbeschäftigten hineinzuwirken. Dies geschah hier wie dort durch ein kalkuliertes Zusammenspiel aus betrieblicher Sozialpoli¬ tik und Disziplinierung, das sich für Neunkirchen in dem Schlagwort System Stumm ver¬ dichtet. Die eine Säule des Systems habe die Sozialpolitik - das System der milden Hand - gebildet, die andere, komplementär zu verstehende Säule die gesellschaftliche Domesti¬ zierung mittels Repression, welche als das System der strengen Hand bezeichnet wurde.811 810 So in der Liste von 1901: AnLux, ADU-U1-113, Buchstaben B, P und Sch. Außerdem in derjenigen von 1915: AnLux, ADU-U1-117, Buchstaben B, M, Kund P. 811 Vgl. Mallmann 1987, S. 66. 812 Der große Märzstreik 1921 und dessen Folgen werden in Kapitel VI noch thematisiert. 813 Kocka 1990, S. 428. 814 Zu dem Terminus, seiner Zusammensetzung und seinen Implikationen vgl. Jacob 1993a, S. 31-35: aus der älteren Literatur: Gabel 1921, S. 36-30. 390