Dass auch nach Stumms Ableben die Werksverantwordichen politischen Druck ausüben, zumindest aber Einfluss nehmen wollten, ist sehr wahrscheinlich, auch wenn kein ähnlich ambitionierter Unternehmer-Politiker in dessen Fußstapfen trat. Die wei¬ ter oben auf-gezeigte offene Parteinahme für den Nationalsozialismus während der Zwi¬ schenkriegszeit deutet klar in diese Richtung. Vertreter der kommunistischen Roten Gewerkschaftsopposition wurden in dieser Phase aufgrund ihrer politischen Betätigung vom Werk entfernt.81’ Allerdings war nach dem Ersten Weltkrieg direkte Repression angesichts der erstarkten Arbeiterbewegung, ihrer offiziellen Anerkennung unter an¬ derem in Form des ersten Tarifvertrages für die Schwerindustrie808 809 und der sich wan¬ delnden gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen nicht mehr in diesem Maße möglich. Darauf könnte hindeuten, dass sich in dem umfangreichen, mehrfach herangezogenen Strafkatalog des Walzwerks aus der Zwischenkriegszeit unter mehreren Hunderten Fällen nicht eine einzige Strafe für Vergehen außerhalb der Dienstzeit fin¬ det. Die außerbetriebliche Repression und Entmündigung der Hüttenarbeiterschaff war in Neunkirchen sicher kein Alleinstellungsmerkmal der Ara Stumm, fand aber in dieser unzweifelhaft ihren Höhepunkt. In Düdelingen wurde insgesamt nicht das Neunkircher Ausmaß der (versuchten) Einflussnahme und Repression erreicht, aber zeitgenössische Gewerkschaftsfunktionäre betonten dennoch das repressive Potenzial der dortigen Arbeits- und Lebenssituation. Nicolas Biever, einer der führenden Köpfe der jungen luxemburgischen Arbeiterbewe¬ gung, sah sich in der 1925 publizierten Schrift „8 Jahre Arbeiterbewegung in Düdelin¬ gen“ gezwungen, „auf die dortigen Zustände aufmerksam zu machen, wie zur Zeit, wo keine gewerkschaftliche Organisation bestand, die Lage der Arbeiterschaft war“. Biever führte aus: „Damals war die Lage der Arbeiter geradezu verzweifelt. Der Arbeitgeberterror [!] schlug die Arbeiter so in Fesseln, wie dies in keinem Ort des Landes zu finden war. Die Rede- und Koaliti¬ onsfreiheit bestanden dort nicht, da dies die Hüttendirektion nicht zuließ. Die Arbeiter hatten nur ein Recht, das in mühseliger Fron, im Schweiße ihrer Arbeitskraft gebadet, 12,14 und 24 Stunden zu schuften und dabei das Maul zu halten. Rechtlos, verachtet von jedermann, mußte der Arbeiter sein Dasein fristen. [... ] Es herrschte die schwärzeste Reaktion, die Arbeiter waren willenlose Sklaven, auf Gedeih und Verderb ihrem Ausbeuter ausgehefert.“8119 Selbstverständlich sind diese aus der Feder eines Gewerkschaftsaktivisten stammen¬ den Sätze tendenziös und verzerrend, außerdem blenden sic das positive Gegenange¬ bot der Betriebsleitung, die Sozialpolitik, komplett aus. Allerdings spiegelt sich in dem Exzerpt sehr anschaulich das zeitgenössisch verbreitete Bild von den ,Diidelinger Ver¬ s" Vgl. Ebenau 1990, S. 83. 8118 Vgl. Gabel 1911, S. 283-287. 809 Biever 1925, S. 3 ff. 389