Der Konflikt zwischen Stumm und dem Neunkircher Tageblatt schwelte von dessen Gründung an, da die Zeitung vor allem Stumms ,Herr-im-Haus‘-Anspruch kritisierte. Zum Eklat kam es, als das Blatt ein Gedicht abdruckte, das die Arbeitsverhältnisse in der Großeisenindustrie anprangerte.S(V’ Zwar konnte sich Stumm zunächst nicht damit durchsetzen, das Neunkircher Tageblatt durch die Regierungsbehörden verbieten zu lassen, aber er untersagte in bekannter Manier allen seinen Beschäftigten, das Organ zu abonnieren oder Wirtshäuser aufzusuchen, in denen es auslag. Der Firmenchef erhob in weitgehendem Maß den Anspruch, die Lektüregewohnheiten und damit die F’instellun- gen sowie Verhaltensdispositionen seiner Beschäftigten zu kontrollieren. Die Verbote und Sanktionsmaßnahmen gegen politische und gesellschaftliche Geg¬ ner wurden flankiert durch handfeste Manipulationsversuche. Vor der Reichstagswahl vom 11. Februar 1887 gab Stumm die Order aus, dass sämtliche Beamte „mit allen Kräf¬ ten selbst und durch geeignete Einwirkung auf die Arbeiter in den Wahlkampf einzutre¬ ten und für die Wahl des Herrn Regierungsrat Bormann zu wirken“ haben.803 804 Dass eine solche Einflussnahme auch am Wahltag selbst ausgeübt wurde, ist mehr als wahrschein¬ lich. Die Beamten fungierten zu dieser Gelegenheit gewissermaßen als Wahlhelfer“ und politische Propagandisten ihres Firmenchefs. So trug der Hüttenmeister Rudolf Gren¬ ner am 3. November 1898 in sein Tagebuch ein: „Um 9.30 Uhr kam ich in Neunkirchen an, ging aufs Werk, hatte aber kaum angefangen zu arbeiten, als ich wieder gerufen wur¬ de, um nach Ottweiler, woselbst eine Wahl war, zu fahren. Chr. Psotter, Lehrmeister, und ich fuhren in einem Landauer dort hin, vertheilten Zettel und blieben dort, bis das Resultat verkündet wurde.“805 Am 21. Juni desselben Jahres wurde Grenner damit beauf¬ tragt, zusammen mit anderen Meistern und Angestellten 36.000 Wahlzettel aus einer Druckerei in St. Wendel abzuholen und im Wahlkreis zu verschicken. Am 9. März 1901, ein Tag nach Stumms Tod, gibt Grenner in der Rückschau ganz direkt Auskunft über die vom Betriebschef ausgegangenen massiven Wahlbeeinflussungen: „Sein Gegner bei der Wahl war ein Zentrumskandidat, der beinahe gewählt gewesen wäre, wenn der fürchter¬ liche Druck nicht gewesen wäre, der auf die Hütten- und Bergleute ausgeübt wurde!“806 803 Zu dem ganzen Konflikt vgl. Bungert/Mallmann 1978. Das besagte Gedicht mit dem Titel „Der alte Arbeiter“ entstammte nicht der Feder eines Tageblatt-Redakteurs, sondern wurde aus der Berliner Zeitschrift „Die Wahrheit“ übernommen. Das lyrische Ich, ein alt gewordener und abgearbei¬ teter Fabrikarbeiter, klagt, dass er aufgrund nachlassender Leistungsfähigkeit von seinem Arbeitgeber ausgemustert wurde, obwohl er „alt in Ehren ward“ und sich für den Betrieb „müd geschafft“ hat. In der vorletzten von insgesamt sieben Strophen heißt es, gleichsam als Kulminationspunkt: „Wir sind verbrauchte Maschinen,/die man beiseite fährt./Wir können nicht mehr dienen:/Alt Eisen hat wenig Wert.“ Zitiert nach ebd., S. 238. 804 Siehe Die Circulare des Carl Ferdinand Stumm, n. n., 17.1.1887, S. 32 f. Friedrich Bormann, Kandidat der konservativen Deutschen Reichspartei, ging als Sieger aus der Wahl hervor und eroberte damit das Reichstagsmandat. Vgl. dazu und zu der Rolle Stumms im Wahlkampf Bellot 1954, S. 175 f. 805 Zitiert nach Jung 1993, S. 148. m6 Zitiert nach ebd., S. 160. Zu den Wahlbeeinflussungen vgl. auch Gergen 2000, S. 113 und 116 f. 388