einsgründungen waren Kreationen der Werksleitung und daher in gewissem Umfang deren Instrumente. Somit ist klar, dass hier keineswegs das bekannte, emanzipatorische Liedgut der Arbeiterbewegung,641 sondern volkstümlicher und romantisierender Ge¬ sang gepflegt wurde. Das erste von der Werkssängerschaft einstudierte Lied trug den beredten Titel „Die Täler dampfen, die Höhen glühn“.642 Der bereits erwähnte Verein „Die Werkstätte“, der seit Oktober 1903 bestand, sah in Paragraph 3 seiner Satzung als Vereinszweck unter anderem die „Pflege des Gesan¬ ges“ und die „Abhaltung von Festlichkeiten, Ausflügen, Vorträgen etc!“ vor.643 In seinem Inventar befanden sich dementsprechend: 15 Liedernotenblätter, 13 Liedermappen, 2.8 Sängerabzeichen, acht Liederbücher, 50 kleine Festliederbücher, zwei Liederpartitu¬ ren, eine Geige mit Kasten, ein Lichtbilderapparat, ein Rednerpult, 19 humoristische Theaterbauten sowie 55 blaue Liederumschläge. Aus den Liedernotenblättern gehen die Titel einiger Gesänge hervor, sie trugen Namen wie „Lob des Frühlings“, „Gönn mir den Frühlingstraum“, „O ewig schöne Maienzeit“ oder „Wein Lied“. Auch hier wurde über folkloristischen Gesang ein romantisierendes Weltbild vermittelt.644 Der Verein, der im Oktober 1904 immerhin 430 Mitglieder zählte und unter der Schirmherrschaft der Werksdirektion stand, entfaltete, so zeigt es das Inventar, eine breite Aktivität, die von Musik und Gesang über Theateraufführungen bis hin zu belehrenden Vorträgen und Lichtspielaufführungen reichte. Auch der „Nationale Hüttenverein Neunkirchen“ tat sich auf kulturellem Gebiet hervor, indem er eine eigene Musikkapelle unterhielt. Außerdem hatte der Verein eine eigene Jugendabteilung sowie eine Athletenriege, die wohl hauptsächlich turnte und Leichtathletik betrieb. Über die Jugendabteilung sollten schon die Jugendlichen an den Betrieb gebunden und im Sinne des Vereins in ihrem Denken und Verhalten beeinflusst werden.64'1 In welchem geistig-politischen Sinne die Gelbe Gewerkschaft Ideenwerbung betrieb, deutet sich am Titel eines zu Beginn des Jahres 1918 organisierten und vom Ers¬ ten Vorsitzenden gehaltenen Vortrags an, der unter dem Motto stand: „Der Arbeiter¬ stand in seinem Verhältnis zu Staat und Gesellschaft!“646 Der Terminus Arbeiterstand wurde hier nicht willkürlich gewählt, suggeriert er doch - ganz im Gegensatz zu dem in der Arbeiterbewegung üblichen Begriff der Arbeiterklasse - Staatsnähe und harmoni¬ sche Eingliederung in die gerade zu dieser Zeit militarisierte und nationalistisch gepräg¬ te Reichsgesellschaft. 641 Vgl. dazu Dowe, Dieter: Die Arbeitersängerbewegung in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg - eine Kulturbewegung im Vorfeld der Sozialdemokratie, in: Ritter, Gerhard A. (Hrsg.): Arbeiter¬ kultur (Neue Wissenschaftliche Bibliothek, Bd. 104), Königstein 1979, S.122-144, zum Liedgut vgl. bes. S. 134-137. iv'^ Siehe Neunkircher Zeitung, 11.7.1928. Artikel „69 Jahre Hiitten-Gesangsverein“. 643 Vgl. Hüttenverein Die Werkstätte NE, S. 5. 644 Vgl.ebd.,S.i3f. 643 Nationaler Hüttenverein NE, S. 5 ff. 646 Ebd., S. 14. 347