freizeit- und kulturpolitische Ambitionen, die sich zwar von der klassischen Eingrenzung betrieblicher Sozialpolitik auf materielle Versorgungsleistungen klar abhoben, im End¬ effekt aber ähnliche Ziele der Anbindung, Herrschaftslegitimierung und Verhaltens¬ steuerung verfolgten. Günther Schulz definiert die betrieblichen Sozialleistungen als „diejenigen Güter und Dienstleistungen [...], die der Betrieb seinen gegenwärtigen und ehemaligen Mitarbeitern und deren Familienangehörigen neben dem Arbeitsentgelt gewährt“.635 Dehnt man den Begriff der „Dienstleistung“ aus, so fallen auch kulturelle und freizeitbezogene Angebote darunter.636 Das Neunkircher Eisenwerk entwickelte schon recht früh eine breit angelegte Kul¬ tur- und Freizeitpolitik, zu der auch die oben beschriebene Werksbibliothek gehörte. Die arbeitsfreie Zeit sollte möglichst unter den Einfluss der Werksleitung gebracht werden. So stand etwa der Hüttenpark den Arbeitern an Sonntagen zur Verfügung. Im Park gab es neben Musikaufführungen die Möglichkeit, im Grünen spazieren zu gehen. Überdies existierten Unterhaltungsangebote für die Kinder der Werksangehörigen, darunter Karussells, Schaukeln und Turngeräte.63 Kulturelles Leben wurde besonders in diversen Vereinen gepflegt, die unter Initiative und Schirmherrschaft des Unterneh¬ mens gegründet wurden. Die wohl älteste Vereinigung dieser Art war die Werkssänger¬ schaft. Glaubt man einem Artikel der Neunkircher Zeitung vom 11. Juli 1918, der sich dem 69-jährigen Bestehen des Vereins widmete, so gingen dessen Wurzeln auf das Jahr 1852 zurück. Als Gründervater wird der damalige Co-Leiter der Firma Karl Böcking angegeben. Nach der zwischenzeitlichen Auflösung des Vereins 1857 wurde er 1859 neu gegründet, um dann dauerhaft bestehen zu bleiben. Der Verein organisierte Konzerte und beteiligte sich an regionalen wie überregionalen Gesangswettstreiten. Die Mitglie¬ der waren ausnahmslos Werksangehörige, wobei über Zahl und Zusammensetzung nur sehr spärliche Informationen fließen.638 Obwohl nach Angaben der Neunkircher Zei¬ tung der Verein bis 1918 „eine gute Entwicklung durchgemacht“ habe, heißt es in einem Artikel der Saarbrücker Zeitung vom iz. Oktober 1933, die Zahl der Mitglieder sei zwi¬ schenzeitlich auf zwölf geschrumpft, dann aber immerhin wieder auf 50 angewachsen. Für 1888 ist von 60 Mitgliedern die Rede.639 Die Zahl scheint eher bescheiden, aber es existierten wohl weitere Gesangsvereine eher inoffizieller Art. So weiß die Saarbrücker Zeitung hier von einem neu gegründeten Werkverein in der Adjustage Süd zu berich¬ ten, der „sich offen als Gesangsverein entpuppt“ und 30 Mitglieder zählte.640 Solche Ver¬ 635 Schulz 1991, S. 138. 636 Elisabeth Kosok demonstriert dies am Beispiel der von verschiedenen Ruhrzechen und -hütten ins Leben gerufenen Gesangs- und sonstigen Freizeitvereinen. Vgl. Zumdick 1990, S. 406-412. 637 Vgl. Gergen 2000, S. 135. 638 Alle Informationen entnommen aus Neunkircher Zeitung, 11.7.1928. Artikel „69 Jahre Hütten- Gesangsverein“. 639 Vgl. Gergen 2000, S. 137. 640 Informationen und Zitate aus: Saarbrücker Zeitung, 12.10.1933. Artikel „Hüttengesangverein Neun- kirchen“. 346