Ferdinand Stumm.610 Andererseits muss aber konstatiert werden, dass die Werksbiblio¬ theken gerade mit dem Angebot an Belletristik und Populärwissenschaft wohl eher den Nerv des lesenden Arbeiters trafen als viele bildungspolitische Funktionäre der Arbei¬ terbewegung. Die von ihnen projektierte Diffusion sozialistischer Schriften - etwa dem ,Kapital1 von Karl Marx - scheiterte am Desinteresse ihrer Klientel, sodass sich in den Ausleihstatistiken ihrer Bibliotheken ebenfalls ein klares Übergewicht belletristischer Literatur abzeichnete. „Zwischen dem Anspruch der parteioffiziösen Ideologie“, so Die¬ ter Langewiesche und Klaus Schönhoven in einem grundlegenden Beitrag, „und der in [den] Berichten ablesbaren Realität der Lektüregewohnheiten organisierter Arbeiter [bestand] eine unübersehbare Distanz“.611 Selbst organisierte Arbeiter brachten also nur wenig Interesse für theoretische Schriften des .wissenschaftlichen Sozialismus auf. Die Ausleihgewohnheiten von Wilhelm Alexander Roos bestätigen dieses Bild. Roos mar¬ kierte mit Bleistift Bücher als „gelesen“. Die vier so markierten Texte waren - durchaus bemerkenswerterweise - Fichtes ,Reden an die deutsche Nation', Bismarcks Reden, eine Bismarck-Biographie sowie ein Buch mit dem Titel „Ernste und heitere Erinnerungen eines Ordonnanz-Offiziers“.612 Letztlich ist nicht abzuschätzen, wie erfolgreich etwaige gesellschaftspolitische Indoktrinationsversuche waren, die von den Unternehmern bei der Zusammenstellung des Bücherkanons verfolgt wurden. Dass sie verfolgt wurden, die betriebliche Sozialpolitik hier also auch eine ideologische Komponente aufwies, dürfte außer Frage stehen. Auch in Düdelingen existierte eine solche Hüttenbibliothek, über deren Bestand aber nichts bekannt ist.613 Auf dem Feld der Versorgungspolitik gingen selbst in Unternehmerkreisen die Mei¬ nungen und Konzeptionen weit auseinander. So lehnte Stumm die Einrichtung be¬ triebseigener Ökonomate - Läden, in welchen Werksangehörige zu verbilligten Preisen einkaufen konnten - mit der Begründung ab, dadurch werde der lokale Einzelhandel geschädigt.614 Emile Mayrisch hingegen erhob den Ökonomat zu einem Eckpfeiler sei¬ ner Sozialpolitik, sah sich durch heftige Kritik aber gleichzeitig veranlasst, dessen Ein¬ richtung in einer apologetischen Streitschrift zu rechtfertigen: „Wir konnten es uns ja nicht verhehlen, dass die Gründung des Economates der Geschäftswelt manchen Scha¬ den bringen würde, stets aber haben wir unser möglichstes getan, um diesen Schaden 610 Zur weltanschaulichen Disposition Stumms, die sich unter anderem auch in seiner Kulturpolitik äußerte, vgl. Marschall, Kristine: Die Kirchenbauwerke des Carl Ferdinand Stumm - Stilwahl im Zeichen sozialpolitischer Ideologie?, in: Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend 47 (1999), S. 301-330, bes. S. 301 f.; Marschall, Kristine: Sakralbauten des Historismus in Neunkirchen - Sponsorenkirchen in der Ära Stumm, in: Knauf, Rainer/TREPESCH, Christof (Hrsgg.): Neunkircher Stadtbuch, Neunkirchen 1005, S. 471-481, bes. S. 47z. 611 Vgl. Langewiesche/Schönhoven 1976, S. 166-171. Zitat S. 166. 612 Siehe Katalog der Hüttenbibliothek NE 1904. 613 Vgl. Mayrisch 1906, S. 13. 6,4 Vgl. Gergen 1000, S. 143. 341