Die prinzipiellen und ideellen Erwägungen Stumms spiegeln sich in der Betonung ei¬ nes „Bewußtseins des freien Eigenthums“, das zumindest implizit antisozialistische und auch antisozialreformerische Überzeugungen andeutet. In der Praxis gestaltete sich die Stummsche Eigenheimförderung so, dass jeder Arbeiter, der 900 Mark angespart hatte, von der Werkssparkasse, die wohl hauptsächlich diesem Zweck diente, einen Bauvor¬ schuss von 3.000 Mark zu einem Zinssatz von drei Prozent erhielt. Die betriebseigene Sparkasse existierte schon seit einiger Zeit, hieß es doch in dem bereits zitierten Bericht des Ottweiler Landrats von 1863: „Zur Erleichterung der Gründung eines Hausstandes und zur Hebung der Moralität werden die jugendlichen Arbeiter angehalten, monatlich von ihrem Verdienste 1 bis 3 Thlr. in der für sie angelegten Sparkasse zurückzulassen [...]“.556 560 Der Zinssatz betrug statt den damals üblichen fünf nur drei Prozent.'’'’ Es ist nicht einzusehen, warum der Arbeiter durch dieses System aber weniger in Abhängig¬ keit geraten sein sollte, als in dem von Stumm verworfenen: Auch hier war es so, dass der Arbeiter zunächst Schulden beim Betrieb machen musste, um bauen zu können. Der Eigenheimbesitz brachte gegenüber Mietverhältnissen einige Vorteile mit sich, beispielsweise dadurch, dass landwirtschaftlicher Nebenerwerb erheblich erleichtert wurde. Quantifizierungen über den Eigenheimbesitz sind nur schwer zu treffen. In der Literatur taucht die Angabe auf, 1903 hätten in Neunkirchen von rund 4.000 Beschäf¬ tigten 1.250 im eigenen Haus gewohnt.”'9 Einer zeitgenössischen Publikation zufolge hätten 1898/99 45 Prozent der Belegschaft in Eigenheimen gewohnt, nur fünf Prozent in Werkswohnungen, neun Prozent in Schlafhäusern und 41 Prozent zur Miete.’'’9 Hier ist aber unklar, wie viele tatsächlich in mithilfe von Werkskrediten gebauten Häusern lebten, oder wie viele vom nahe gelegenen Heimatdorf aus, wo sie in ihrem Elternhaus wohnten, zum Arbeitsplatz pendelten. In Düdelingen, wo die Förderung des Eigenheim¬ baus von Seiten des Unternehmens erst in den Zwanzigerjahren einsetzte, besaßen am Vorabend des Ersten Weltkriegs, 1913,12,2 Prozent der Hüttenarbeiterschaft ein eigenes Haus, 1909 waren es noch 14,6 Prozent, 1907 nur 8,17 Prozent.’60 Die Eigenheimquote war also deutlich niedriger als in Neunkirchen. Die starke Präsenz von Fernmigranten, die in der Fremde nur selten ein eigenes Haus bauten, dürfte hierbei neben dem verspä¬ 556 Von Schlechtendal 1863, S. 151. 557 Vgl. FrÜhauf 1980, S. 94. Landrat von Schlechtendal sprach für 1859-61 von vier Prozent Zinsen. Siehe von Schlechtendal 1863, S. 152. Außerdem FrÜhauf 1005, S. 105. 558 Vgl. Geis/Enzweiler/Bierbrauer 1978, S. 98. 559 Daten wiedergegeben nach FrÜhauf 1980, S. 95. Die gleichen Werte bei FrÜhauf 2005, S. 105. Über die prinzipiellen Probleme bei der Quantifizierung des Eigenheimbaus beziehungsweise bei der Feststellung, wie groß der Anteil des Unternehmens daran war, vgl. ebd. S. mf. Die hier genannten Daten entsprechen ungefähr auch den Gegebenheiten im fiskalischen Bergbau, an dem sich sie Sozi¬ alpolitiker des Eisenwerks orientieren konnten. Mit der Einführung des Prämienhaussystems verloren die zuvor überaus stark frequentierten Grubenschlafhäuser etwas an Gewicht. Infolge der preußischen Siedlungspolitik war die Koloniebildung unter den Bergleuten tendenziell stärker als unter den Hüt¬ tenarbeitern. Vgl. dazu Loch 2005, S. 155 f. 560 Alle Daten nach AnLux, ADU-U1-93. 330