kleiner Freiheiten und Autonomieräume auch innerhalb der reglementierten industri¬ ellen Arbeitswelt.482 In all diesen individuellen Lebensäußerungen wurde die Gefahr gesehen - das zeigt das obige Exzerpt sehr deutlich -, dass andere Arbeiter von der Arbeit abgehal¬ ten wurden, mithin dass nicht zügig und kontinuierlich produziert wurde: Die Re¬ duktion von Individualität und von persönlichen Dispositionsspielräumen geschah im Zeichen betriebswirtschaftlicher Erwägungen.483 Bei der Beurteilung solcher Vor¬ schriften und damit einhergehender Strafmaßnahmen muss sehr genau die Balance gewahrt werden zwischen der Anerkennung berechtigter Arbeitgeberansprüche und der Arbeitnehmerseite. Alf Lüdtke bezieht sich vor allem auf die Frühindustrialisie- rung, wenn er schreibt: „Die Forderung nach gleichmäßig-unveränderlichen Arbeits¬ abläufen war offenbar für Fabrikbesitzer wie Fabrikarbeiter etwas Neues. Was aber für die einen der Logik der Produktionsweise entsprach, war für die anderen tägliche Zumutung.“484 485 Die Beispiele aus den betrieblichen Dokumenten zeigen, dass diese Diskrepanz bis weit in die Zwischenkriegszeit wirkte, vielleicht sogar ein generelles Strukturmerkmal industriekapitalistischer Arbeit darstellt. Der Hüttenarbeiter wur¬ de wenigstens teilweise im zeitgenössischen Maßstab recht ordentlich entlohnt, so ge¬ sehen hatte der Fabrikherr ein Anrecht auf konzentrierte und zuverlässige Arbeit. Auf der anderen Seite muss die Perspektive des einzelnen Arbeiters als Persönlichkeit aus¬ reichend berücksichtigt werden: Er war bemüht, sich auch innerhalb der Werksmau¬ ern seine individuellen Entfaltungsräume zu wahren, bisweilen konnte er dadurch sogar seine Leistungsfähigkeit steigern. Die Fabrikdisziplin und die Strafmaßnahmen griffen hingegen tief in seine Persönlichkeitsstruktur und in seine gewohnten Verhal¬ tensmuster ein, sie waren damit neben den physischen und mentalen Arbeitszumu¬ tungen sowie den Unfall- und Verletzungsgefahren ein handfester Belastungsfaktor industrieller Fabrikarbeit. Die Disziplinierung der Arbeitskraft konnte die intendierte, domestizierende Wirkung entfalten und die Arbeiterschaft gefügig halten, zumindest aber ihre Re¬ nitenz in informelle Kanäle lenken. In Zeiten politisch-sozialer Unruhe aber, etwa im Gefolge des Ersten Weltkriegs, konnte die als zu hart empfundene betriebliche Disziplinierung direkt in Protestpotenzial Umschlägen und sich gegen das Unterneh¬ men selbst richten. Entsprechend forderten die aufstrebenden gewerkschaftlichen und politischen Kräfte der Arbeiterbewegung in der Nachkriegszeit oftmals huma¬ nere Behandlung durch die Vorgesetzten.-*83 Bereits während des Kriegs kam es zu 482 Vgl. Lüdtke 1993. m Vgi. Machtan 1981, S. 193 f. 484 Lüdtke 1980, S. 96. 485 Vgl. für Luxemburg Steil, Raymond: Der Luxemburger Metallarbeiter-Verband (1916-1920), in: 75 Joër fräi Gewerkschaften. Contributions à l’histoire du mouvement syndical luxembourgeois. Bei¬ träge zur Geschichte der luxemburgischen Gewerkschaftsbewegung, Esch-sur-Alzette 1992, S. 141-183, hier S. 166 f. 310