im Bergbau weniger schnell und weniger flächendeckend.285 Die im Hüttenwesen kons¬ tatierte ^eingliedrige Arbeitsteilung war entsprechend in der Grube nicht gegeben. Zwar zerfiel der Gesamtbetrieb in einen Untertage- und einen Übertagebau, der Untertage¬ bau seinerseits in kleinere Segmente, die »Kameradschaften, aber diese waren gleichartig strukturiert, sodass das Bergwerk alles in allem wesentlich geschlossener und homoge¬ ner auf-gebaut war.286 Die Belegschaftsstruktur und die ihr innewohnenden Funktionsprinzipien wirk¬ ten sich entscheidend auf die persönliche Berufsperspektive und damit auf das Selbst¬ verständnis und die Orientierung der einzelnen Arbeiter aus. Die „Möglichkeit der Karriere“28 (Hans Ehrenberg) bestand auch im Bergbau, im Unterschied zum Hütten¬ werk war diese jedoch recht klar vorgezeichnet: Der Bergmann begann als Schlepper oder Lehrhauer, bevor er zum Hauer befördert werden konnte.288 Ein durch Arbeitser¬ fahrung und Wohlverhalten begründeter Aufstieg in Vorarbeiter- und Meisterfunktio¬ nen, wie er für die Angelernten auf der Hütte möglich war, wurde im Bergbau dadurch weitgehend blockiert, dass nur das Steigerexamen den Weg in die Steigerposition ebne¬ te. Dieses war nur durch eine längere formale Ausbildung zu erhalten.289 Die begrenzten Karrieremöglichkeiten und deren klare Präfigurierung, mithin die partielle Eliminie¬ rung von Vorgesetztenwillkür in der Beförderungspraxis, machte eine individuelle Ori¬ entierung der Bergarbeiter viel weniger wahrscheinlich, als dies in einigen Segmenten der Eisen- und Stahlarbeiterschaft der Fall war. Richard van Dülmen betont die fragmentierende Wirkung des sogenannten »Gedin¬ ges“, des Gruppenakkords, den jede Kameradschaft vor der Schicht aushandelte: „Sosehr allerdings durch das Gedinge der autonome Handlungsspielraum vor Ort gestärkt wur¬ de, minderte diese Gruppensolidarität, die auf persönlichen Kontakten gründete, doch andererseits die Aktionsmöglichkeit der Bergleute über ihre Grube hinaus.“290 Van Dül¬ mens These wird durch die auch an der Saar seit Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder aufflammenden grubenübergreifenden Ausstände, die ja gerade die „Aktionsmöglichkeit der Bergleute über ihre Grube hinaus“ demonstrierten, widerlegt.291 Ausschlaggebend 2S:> Denis Scuto betont diesen Unterschied beider Leitsektoren, wenn er schreibt: „L’univers de la mine n’est pas un unävers des techniques les plus modernes, semblable aux usines et leurs importantes installa- tionsl‘ Siehe Scuto, Denis: L’ouvrier mineur au travail, in: 75Joer fräi Gewerkschaften. Contributions ä Thistoire du mouvement syndical luxembourgeois. Beiträge zur Geschichte der luxemburgischen Ge¬ werkschaftsbewegung, Esch-sur-Alzette 1991, S. 11-43, hier S. 11. 286 Zur Gliederung der Arbeit unter Tage in Kameradschaften vgl. Van Dülmen 1990, S. 74. 287 Ehrenberg 1906,8.101. 288 Vgl. Weber, Wolfhard: Der Arbeitsplatz in einem expandierenden Wirtschaftszweig: Der Berg¬ mann, in: Reulecke, Jürgen/WEBER, Wolfhard (Hrsgg.): Fabrik, Familie, Feierabend. Beiträge zur Sozialgeschichte des Alltags im Industriezeitalter, Wuppertal 1978, S. 89-113, hier S. 103. 289 Vgl. Ehrenberg 1906, S. 160; Ames 1989, S. 116; Scuto 199z, S. 53. 290 Van Dülmen 1990, S. 74. Zur Arbeitsorganisation unter Tage vgl. auch SCUTO 1991a, S. 15 ff. 291 Zu den Streikbewegungen unter den Saarbergarbeitern vgl. Mallmann/Steffens 1989, S. 44- 47 und Kap. IV. 262