c) Die differenzierte Lohnstruktur Die Heterogenität der Hüttenbelegschaft manifestierte sich nicht zuletzt in der hoch¬ differenzierten Lohnstruktur, welche einerseits die weit fortgeschrittene Arbeitsteilung plastisch abbildete, zugleich jedoch die Atomisierung der Hüttenarbeiterschaft und deren „individuelle Orientierung“2*3 weiter forcierte. Durchschnittslöhne sind gene¬ rell schwierig zu ermitteln, da die Datenreihen zum einen Lücken und Unwägbarkeiten aufweisen, ihre systematische Auswertung zum anderen eine Spezialstudie verlangen würde.243 244 Der durchschnittliche Tagesverdienst eines erwachsenen Arbeiters im Neun- kircher Hüttenwerk lag um die Jahrhundertwende bei 3,90 (1895) beziehungsweise 4,25 Reichsmark (1900),245 doch bleiben in solchen generalisierten Zahlen die Lohndiffe- renzierungen etwa zwischen gelernten und ungelernten Arbeitern oder zwischen den einzelnen Werksteilen unklar. In der 1912 publizierten DMV-Studie, in welcher die Lohnfrage einen überaus breiten Raum einnimmt, heißt es: „Eine Untersuchung der Lohnverhältnisse der in den Hüttenwerken beschäftigten Personen hat mit verschiedenen Faktoren zu rechnen, die cs äußerst erschweren, die Lohnhöhe einheit¬ lich zur Darstellung zu bringen. Durch die Betriebskombination der gemischten Werke hat ein und dasselbe Werk die verschiedensten Lohnmethoden, und eine bestimmte Methode gilt oft nicht einmal für sämtliche Arbeiter einer bestimmten Abteilung, sondern innerhalb einer bestimmten Gruppe können verschiedene Entlöhnungsformen und die krassesten Un¬ terschiede in der Lohnhöhe bestehen.“246 Die berufs-, tätigkeits- und qualifikationsbedingten Lohnunterschiede treten beim Blick in die Lohnliste des Neunkircher Hochofenwerks aus dem Jahr 1913 klar zu Tage. Allerdings ist die Berechnung und Einschätzung der Löhne auch hier nicht ganz ein¬ fach, da bedacht werden muss, dass Fehlschichten nicht voll ausbezahlt wurden. Kei¬ nesfalls darf also der reine Monatsverdienst als alleinige Bemessungsgrundlage dienen, sondern er muss abgeglichen werden mit der Zahl der geleisteten Schichten. Dies un¬ ter Berücksichtigung gestellt ergibt sich, dass die I. Schmelzer einen vorderen Platz in der Lohnhierarchie einnahmen. Sechs I. Schmelzer, verteilt über drei Hochöfen, wur¬ 243 Ames 1989, S. 116. 244 Zu dieser Problematik allgemein vgl. Schröder 1978, S. 209-212. Schröder befindet: „Die indivi¬ duelle Vielfalt erzielter Löhne erschwert die Bestimmung eines allgemeinen durchschnittlichen Lohnni¬ veaus; selbst innerhalb eng gefaßter Berufsgrenzen bestand eine immense Spannweite zwischen Höchst- und Niedrigstlöhnen [...].“ Wie in einem Brennglas verdichtet sich dieser Sachverhalt in der überaus heterogenen Beiegschaftsstruktur integrierter Eisen- und Stahlbetriebe. Zitat ebd., S. 209. 245 Daten aus Geis, Ulrike/ENZWEILER, Hans-Jürgen/BiERBRAUER, Peter: Die Sozialpolitik an der Saar im 19. Jahrhundert. Fiskalischer Bergbau - Stumm - Villeroy & Boch, in: Zeitschrift für die Ge¬ schichte der Saargegend 26 (1978), S. 79-117, hier S. 96. Die Schwereisenindustrie 1912, S. 305. Zur Lohnfrage vgl. ebd., S. 305-461. 251