triebsleiters Wagener aus den frühen Zwanzigerjahren geht es um die Frage, welchen Ar¬ beiter man zum Vorarbeiter befördern sollte. Wagener begründet seine Erwägungen wie folgt: „Thiel Jos. ist ein intelligenter, zuverlässiger und strebsamer Arbeiter. Karmeyer ist ein guter erster Schmelzer, es fehlen ihm jedoch Eigenschalten, welche für den Schmelz¬ meister bzw. Aufseherposten unbedingt erfordert sind. [...] Wenn es dem Alter nach ginge, müsste Frisch Nie., Reserveschmelzer, als Vorarbeiter herangezogen werden!'235 Erfahrung und Zuverlässigkeit werden zur obersten Prämisse erhoben, nicht unbedingt die technische und berufliche Eignung, die bei dem abgelehnten Kandidaten offensicht¬ lich wenigstens in gleich hohem Maße vorhanden war. Aus dem Stahl- oder Walzwerk, wo die Positionsrotationen noch viel üblicher waren, sind keine derartigen Schriftstücke überliefert, der Sachverhalt dürfte aber dort wesentlich virulenter gewesen sein. Die Spe¬ zifika der Belegschaftsstruktur und der sie konstituierenden Tätigkeitsprofile regulier¬ ten den Auf- oder in Form von Degradierungen als Konsequenz von Fehlverhalten den Abstieg innerhalb der Hierarchie. Zuletzt erwähnt Ehrenberg noch die „Arbeit an der komplizierten Spezialmaschine“ und deckt damit eine Gruppe innerhalb der Belegschaft ab, die in den meisten Betriebs¬ segmenten stark vertreten war und mit zunehmender Modernisierung der Anlagen nach der Jahrhundertwende immer wichtiger wurde: die Maschinisten. 1891 fanden sich in der Stichprobe aus den Düdelinger Stammrollen immerhin 39 „machinistes“, 1924 waren es 44.236 In einer Lohnliste des Neunkircher Hochofenwerks aus dem Jahr 1913 wurden, unter 361 Einträgen, 19 Maschinisten gezählt (5,3 %).23' Von der Bedeutung der Maschi¬ nisten, die mit dem allgemeinen technischen Fortschritt der Eisen- und Stahlbranche ge¬ wachsen ist und in Betrieben mit höherem Maschinisierungsgrad naturgemäß höher war, zeugt auch der Aufruf zur Arbeiterausschusswahl in Neunkirchen vom Februar 1920, wo zwei eigene Maschinenabteilungen aufgeführt wurden.238 Da die Arbeit mit und an den Maschinen „mehr Spezialkönnen als die erfahrene Arbeit“ verlange, grenze sie laut Eh¬ renberg an die gelernte Arbeit. Im Unterschied zu den gelernten Facharbeitern hat der Maschinist allerdings eine Fähigkeit erworben, die im Betrieb nicht mehr zur Anwen¬ dung kommt: „Das Bindeglied zwischen dem angelernten Arbeiter [...] und dem gelern¬ ten Arbeiter ist der Maschinist, der zwar gelernter Arbeiter, aber nicht für die spezielle Arbeit gelernt ist, die er nachher ausübt!'239 Dem ist freilich entgegen zu halten, dass viele der gelernten Facharbeiter ebenfalls ein Handwerk lernten, dass zwar gute Kenntnisse vermittelte, aber nicht deckungsgleich war mit der Tätigkeit im Industriebetrieb. Insge¬ samt scheint der Maschinist über ein ordentliches Maß an Spezialkönnen verfügt und AnLux, ADU-U1-74. Das Schreiben findet sich in einem umfangreichen Ordner, der weitgehend chronologisch geordnet ist, dessen einzelne Dokumente aber nicht nummeriert sind. 236 Angaben zu 1891: AnLux, ADU-Ui-no, Buchstaben ß und Sch; Angaben zu 1914: AnLux, ADU- Ui-130/3 und ADU-U1-130/7. Lohnliste Hochöfen 1913 NE. lS Siehe StA Nk, Dep. Saarstahl -¡13-1-6-1919-30. 239 Ehrenberg 1906, S. 121. 249