i.i Strukturmerkmale industrieller Arbeit und die Herausbildung des industriellen Lohnarbeiters Carl Neumann, ein gelernter Tischler, der in ländlich-handwerklichem Umfeld auf- wuchs und sozialisiert wurde, war wohl einer der ersten Fabrikarbeiter, die eine Au¬ tobiographie niederschrieben. Für die Zeit um 1840 notierte er: „Am andern Morgen brach ich auf und langte spät Abends in Landsfeld an. Hohe Dampfschornsteine hatte ich von Weitem gesehen und als ich nahe kam erstaunte ich über die großen Fabrikge¬ bäude, die wie Paläste und Schlösser aussahen.“1 Was Neumann hier festhielt, markier¬ te eine einschneidende Zäsur in seinem Lebenslauf: den Übergang von der ländlichen zur industriellen Existenz. Die industriellen Produktionsanlagen boten in ihrer Größe, wahrscheinlich aber auch in ihrer lärm- und geruchsintensiven Aktivität, einen vollkom¬ men ungewohnten und neuartigen Anblick, der schieres Erstaunen auslöste. Gerade die erste Generation von Fabrikarbeitern, zu der Carl Neumann zählte und die sich vorwie¬ gend aus Bauern, ländlichen Tagelöhnern oder Handwerkern rekrutierte, hatte gewalti¬ ge mentale, aber auch physische Transitionsaufgaben zu bewältigen. Für Jürgen Kocka stellt die Fabrik „den radikalsten Bruch mit der traditionellen Arbeitswelt dar “.2 Die industrielle Arbeit in der Fabrik funktionierte nach ganz anderen Prinzipien als etwa die landwirtschaftliche Produktion und stellte spezifische Anforderungen. Ein Kennzeichen des vor- und protoindustriellen Produktionssystems war dessen dezentrale Organisation. Im protoindustriellen Verlagswesen beispielsweise disponier¬ te der Verleger zwar zentral über den Produktionsprozess, indem er für die Rohstoff¬ versorgung und -distribution ebenso verantwortlich zeichnete wie für den Absatz der Fertigprodukte. Die eigentliche Produktion aber verlief weitestgehend dezentral: Der Verleger belieferte viele Klein- und Kleinstproduzenten mit den zu verarbeitenden Roh¬ stoffen, welche dann in Heimarbeit die Waren herstellten. Wohnraum und Arbeitsplatz waren noch nicht strikt getrennt.3 Die Überlappungen von Lebens- und Arbeitswelt waren auch im bäuerlichen und generell im ländlichen Milieu vielfältig und geiadezu konstitutiv. In vorindustrieller Zeit wurde die Produktion nur vereinzelt, etwa in den Manufakturen, zusammengefasst und örtlich zentriert. Zur bestimmenden Institution der Wirtschafts-, Produktions- und Arbeitsorganisation wurde der zentralisierte Betrieb erst im Industrialisierungszeitalter: Das sich herausbildende Fabriksystem zT Lnetc 1 Zitiert nach Emmerich (Hrsg.) 1974, S. 74. Carl Neumann wurde 1811 geboren und starb nach 185ч. Er absolvierte eine Tischlerlehre und übernahm einen verschuldeten Tischlereibetrieb, ehe er in eine Zuckerfabrik eintrat und sich dort als Arbeiter und Aufseher verdingte. Vgl. ebd., S. 389. 2 Kocka 1983, S. uz. Die grundlegenden Veränderungen der Arbeit im Industrialisierungszeitalter skizziert Jürgen Kocka prägnant in Kocka, Jürgen: Work as a Problem in European History, in: Koc¬ ka, Jürgen (Hrsg.): Work in a Modern Society: The German Historical Experience in Comparative Perspective (New German Historical Perspectives, Bd. 3), New York гою, S. 1-15, hier S. 7 f. 3 Vgl. dazu PlERENKEMPER, Toni: Gewerbe und Industrie im 19. und го. Jahrhundert (Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. Z9), München 1994, S. 14-18. 194