Mit Ausnahme jener frühen Zuwanderer, die aus Lothringen weiter nach Luxemburg zogen,6 1 handelte es sich bei den Italienern ebenfalls um Immigranten aus einer ganz entschieden ländlichen Welt ohne Erfahrungen im industriellen Umfeld.6 2 Diese länd¬ liche Welt befand sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einer nahezu perma¬ nenten Krisensituation. Besonders in den 1880er Jahren geriet die italienische Landwirt¬ schaft infolge vor allem amerikanischer Importkonkurrenz in eine tiefe Strukturkrise, während zugleich die Bevölkerung immer weiter anwuchs. Da Italien gegen Ende des 19. Jahrhunderts erst ansatzweise industrialisiert war, fand die Landbevölkerung nur unzureichend Beschäftigungsmöglichkeiten in der nationalen Wirtschaft. Massenaus¬ wanderung war die gleichsam logische Konsequenz. Venetien, das wie gezeigt wurde die größte italienische Zuwanderergruppe nach Düdelingen im Betrachtungszeitraum stellte, war von diesen Entwicklungen besonders hart betroffen. Aber auch die ande¬ ren italienischen Provenienzgebiete wurden von diesen Vorgängen schwer tangiert.673 René del Fabbro bringt die Gesamtsituation für die italienische Landbevölkerung, die sich zur Auswanderung entschloss, auf den Punkt: „Die zahlreichen Auswirkungen der Koppelung von landwirtschaftlicher Krise und ausgeprägter Bevölkerungsvermehrung flössen alle letztendlich in einem großen, den Exodus unmittelbar bedingenden Fak¬ tor zusammen, nämlich der krassen Armut vieler Menschen im Agrarsektor und der Unmöglichkeit vor Ort zu überleben.“674 Damit rekurriert Del Fabbro schon deutlich auf das Sozialprofil der italienischen Zuwanderer: Es handelte sich um eine proletari¬ sche Massenwanderung, welche für die Betroffenen eine zwingend notwendige Über¬ lebensmaßnahme und -strategie darstellte.6 s Im Gegensatz zu ihren luxemburgischen, deutschen oder sonstigen Kollegen sahen sich die Italiener einer doppelten Transitions- aufgabe gegenüber: Sie mussten den Sprung in die industrielle Lebens- und Arbeitswelt bewältigen, parallel dazu sahen sie sich einer kulturell fremden und bisweilen feindseli¬ gen Umgebung gegenüber. 6-1 Vgl. Trausch 1981, S. 449. 6 : Bonnet konstatiert mit Blick auf Lothringen: „On trouve le même héritage agraire et rural [...] chez un grand nombre d’ouvriers italiens.“ Siehe Bonnet 1981, S. 27. 6 ' Zu diesen Zusammenhängen vgl. u.a. Del Fabbro 1996, S. 53-56; Davis, John A.: Economy, so¬ ciety, and the state, in: Davis, John A. (Hrsg.): Italy in the Nineteenth Century, Oxford 2000, S. 235- 263; Lill, Rudolf: Geschichte Italiens in der Neuzeit, Darmstadt '*1988, S. 218 f.; Storia dellemigrazione italiana 2001, S. 187-211. ' Del Fabbro 1996, S. 55. Hervorhebungen im Original. 61 Die italienische Luxemburgwanderung im Zeitalter der Industrialisierung stand damit in keinerlei kausalem Zusammenhang zu italienischen Wanderungen nach Luxemburg in der Frühen Neuzeit, als etwa Kaufleute zu Geschäftszwecken ins Großherzogtum kamen. Zu nennen wäre hier z. B, die Familie Pescatore. Es handelte sich um eine Kaufmannsfamilie, die im Großherzogtum schnell reüssierte und gesellschaftlich arrivierte. Vgl. dazu Pescatore, Théo H.A.: Joseph Antoine Pescatore, un „Italien“ à Luxembourg, in: Reuter, Antoinette/SCUTO, Denis (Hrsgg.): Itinéraires croisés. Luxembourgeois à létranger, étrangers au Luxembourg, Esch-sur-Alzette 1995, S. 58-61. 177