Strukturell teilten diese Provenienzräume einige Grundeigenschaften, die im Rah¬ men der hier zur verfolgenden Fragestellung von hoher Relevanz sind. Zunächst muss testgestellt werden, dass es sich um ganz dezidiert agrarisch geprägte Gebiete handelte. Zwar gab es etwa im Hunsrück industrielle Traditionen - die ehemaligen Stumm- schen Besitzungen wurden bereits angesprochen - aber die Landwirtschaft war der bei weitem wichtigste Sektor. Diese geriet allerdings zunehmend unter Druck und konnte der wachsenden Bevölkerung kein hinreichendes Auskommen mehr sichern. Hier spielte besonders die seit napoleonischer Zeit kodifizierte Erbrechtsregelung eine entscheidende Rolle, sah doch der code napoleon eine gleichberechtigte Teilung des vererbten Landbesitzes vor. Konsequenz dieser Realerbteilung war eine äußerst nach¬ teilige Zersplitterung des landwirtschaftlichen Besitzes und eine zunehmende Verar¬ mung der bäuerlichen Bevölkerung. Die Krise der Landwirtschaft zog in der Regel eine Krise des Handwerks nach sich, konnten die ländlichen Handwerker doch auf¬ grund nachlassender Kaufkraft ihre Waren nicht mehr absetzenT* Alles in allem war die größere Saarregion in vorindustrieller Zeit ein veritables Armenhaus. Erst die In¬ dustrialisierung verschaffte partiell Abhilfe.588 589 Der drohenden Verarmung versuchten viele Menschen zunächst durch Auswanderung zu entgehen. So war die überseeische Auswanderung im Saar- und Hunsrückraum ein weit verbreitetes Phänomen, ehe die Industrialisierung des Saarreviers ein neues Ventil für die zunehmende Landflucht bot.590 Um die qualitativen Herkunftsverhältnisse etwas plastischer illustrieren zu können, soll der Blick auf zwei exemplarisch ausgewählte Herkunftsdörfer Neunkircher Hütten¬ arbeiter gelenkt werden. Diese erfüllten durchaus das Kriterium der Repräsentativität, indem sie für die Region ganz typische Strukturmerkmale aufweisen. In einer 1983 er¬ schienenen Chronik der westpfälzischen Ortschaft LambsbornVJI heißt es: 588 Vgl. Schmitt 1989, S. 17-21; Behringer/Clemens 2009, S. 75; Burg 2012, S. 135-143. Für den Hunsrückraum umreißt die nahezu identisch gelagerte Problematik BereS, Eric: Auswanderung aus dem Hunsrück 1815-1871. Strukturen, Ursachen und Folgen am Beispiel der ehemaligen Bürgermeiste¬ rei Kastellaun (Kastellaun in der Geschichte, Bd. 7), Dommershausen 2001, S. 90-105. 589 Die Armutsverhältnisse in der Saarregion und die durch die Industrialisierung herbeigeführten Veränderungen beschreibt Bierbrauer, Peter: Armut. Vom Pauperismus zur Industriegesellschaft, in: Dülmen, Richard van (Hrsg.): Industriekultur an der Saar. Leben und Arbeit in einer Industrieregion 1840-1914, München 1989, S. 173-181. Zur Armut am Vorabend der Industrialisierung vgl. auch Rietz, Anke: Spiegel des Lebens. Tagelöhnerinventare in der Saarregion des 19. Jahrhunderts (Geschichte & Kultur. Kleine Saarbrücker Reihe, Bd. 2), Trier 2012; kompakt in Rietz, Anke: Tagelöhnerleben in der Saarregion im 19. Jahrhundert, in: Saarbrücker Hefte 103 (Sommer 2010), S. 43-46. 590 Vgl. Mergen, Josef: Die Auswanderungen aus den ehemals preußischen Teilen des Saarlandes im 19. Jahrhundert, Bd. I: Voraussetzungen und Grundmerkmale, Saarbrücken 1973; Beres 2001, passim; Behringer/Clemens 2009, S. 76 f. 591 Erinnert sei an die nach Neunkirchen als Hüttenarbeiter zugewanderte Personengruppe namens Agne. Siehe Abbildung 7. 158