Prinzipien auf-gestellte Kommunalpolitik sah sich durch das rasante Stadtwachstum mannigfaltigen Problemen gegenüber. Für die zuwandernde Arbeiterpopulation musste zunächst ausreichend Wohn raum geschaffen werden, was sich noch bis weit ins zo. Jahr¬ hundert hinein als äußerst diffizil erwies, zumal von staatlicher Seite lange Zeit kaum Unterstützung zur Bewältigung der vielen Aufgaben kam.319 So zeitigte ein 1906 in Kraft getretenes Gesetz über „billige Wohnungen“ nur unzureichend Wirkung. In der Zwischenkriegszeit erhöhte der Staat zwar seine Aktivitäten. Trotz einiger Erfolge etwa im Mieterschutz oder im Bau neuer Wohnungen blieb die Wohnraumproblematik im Minettebezirk allerdings während des gesamten Betrachtungszeitraums virulent.320 Zu Beginn der 1880er Jahre verfügte Diidelingen noch über weniger als 500 Häuser.321 Die Zahl der Wohnungen belief sich auf 337 (1881).322 1885, zur Zeit, als die ersten Hoch¬ öfen in Betrieb genommen wurden, waren es 438 Häuser und 594 Wohnungen. Die Zahlen stiegen bis 1890 auf 569 beziehungsweise 92z. 1904 standen 867 Häusern 1.546 Wohnungen gegenüber.323 Im Winter 1905/06 schließlich zählte eine staatliche Woh¬ nungskommission 1.059 Häuser und 1.837 Wohnungen.324 Das stetige Auseinanderdrif¬ ten der Werte für Häuser und Wohnungen ist charakteristisch für den Übergang von agrarischen zu industriell geprägten Städten, lebten doch gerade viele Angehörige der unterbürgerlichen Schichten zur Miete oder als Kost- und Schlafgänger. Zwischen 1907 und 1919 entstanden noch einmal 169 neue Häuser, zwischen 1920 und 1929 nicht weni¬ ger als 737. Die Zahl der Neubauten betrug dann bis 1939 noch einmal 350. Die Haupt¬ bebauungszonen konzentrierten sich rund um die Hütte oder entlang der bestehenden größeren Straßen.325 Gerade im Wohnungsbau bewies die Hütte ihren siedlungsbildenden Einfluss. Vor allem unter dem langjährigen Hüttendirektor Emile Mayrisch, später Generaldirektor 319 Vgl. Lehners,Jean-Paul: Wohnen in Düdelingen zu Beginn des 10. Jahrhunderts, in: Hudemann, Rainer/WiTTENBROCK, Rolf (Hrsgg.): Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxemburgischen Grenzraum (19. und 20.Jh.) (Veröffentlichungen der Kommission für Saarländische Landesgeschich¬ te und Volksforschung, Bd. 21), Saarbrücken 1991, S. 35-58. Die Problematik stellte sich in sämtlichen wachsenden Industriegemeinden des Minettebassins, wie Antoinette Lorang darlegt: „Les communes du bassin minier, confrontées à l’explosion démographique et à ses conséquences, sont en général dé¬ passées par les événements.“ Besonders die Wohnraumproblematik sei gravierend gewesen: „La mise en place d’infrastructures urbaines [...] sont pendant longtemps prioritaires par rapport aux problèmes de logement. Le gouvernement [...] méconnaît d’abord les problèmes des centres industriels du sud.“ Siehe Lorang 2009, S. 8; vgl. außerdem Lorang 1994, S. 24-28. 320 Vgl. Lorang 1994, S. 45-58 und S. 97-128. 321 Vgl. Lehners 1991, S. 39. 322 Vgl. Conrardy/Krantz 1991, S. 32. 323 Vgl. ebd. 324 Vgl. LEHNERS 1991, S. 39. Lehners geht, genau wie zum Teil auch Conrardy und Krantz, auf die äußerst widrigen Wohnbedingungen gerade der Arbeiter infolge von Uberbelegung und schlechter Ausstattung ein. Dieser Aspekt wird in Kapitel IV noch ausführlicher zu behandeln sein. 325 Vgl. Fohrmann/Weyrich 1957, S. 34. 104